Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 179 hatte zu dem Ideal eines großen Universalstaates als der eigentlichsten Form menschlichen Gemeinlebens geführt: aber die Idee war schon im Mittelalter ein schöner Traum geblieben; und seit der Erweiterung der Kenntnis der Erde um die Wende des 15. Jahrhunderts war sie in ihrer alten Form vollends dem Untergang geweiht. Jetzt entwickelte Grotius aus der verkehrsreichen Perspektive seiner Heimat heraus ein neues Ideal menschheitlichen Zusammenhangs. Wie die Individuen sich zu Staaten verbunden hatten, so sah Grotius die geschichtliche Zukunft charakterisiert durch die Versuche der Staatsindividuen, zu höheren staatenbundlichen Vereinigungen zusammenzutreten: der Gedanke eines allgemeinen Völkerbundes und eines univer— salen Weltfriedens kündigte sich an. Und aus diesen ge— waltigen, wenn auch noch luftigen Konstruktionen leitete Grotius schon etwas sehr Reales ab: den Gedanken eines allgemeinen, die einzelnen Staatsrechte verbindenden Völkerrechts. So ist er zum Schöpfer jenes modernen, nicht mehr in allgemeinen Rechtsgrundsätzen aufgehenden, sondern in sehr realen Be⸗ stimmungen ausgeprägten ius gentium geworden, das, anfangs kaum allgemein gelehrt, schließlich doch die Praxis erobert hat, eine erste Grundlage neuzeitlichen internationalen Verkehres. Blicken wir von dieser Stelle aus rückwärts, so ist ein gewaltiger Fortschritt des Naturrechts im Verlaufe kaum eines Jahrhunderts unverkennbar: die Vernunft hatte gegen den Offenbarungsglauben, der Individualismus gegen die mittel⸗ alterlichen Genossenschaftsideen vom Staate theoretisch und, in⸗ sofern die Theorien als aus dem tiefsten Lebensodem der Zeit geschöpft in die Lenkung der Staaten selbst überzugehen be— dannen auch schon teilweis praktisch das Feld behalten. 3. Inzwischen aber war die Vernunft auch schon auf einem Gebiete zu siegen im Begriff, das für die Fortentwicklung des Geisteslebens noch viel wichtiger war, auf dem der Kirche, des Dogmas, des Offenbarungsglaubens selbst. Dem Gesetzesglauben pflegt innerhalb der Entwicklung der religiösen Kultur ein Gesinnungsglaube zu folgen: eben ihn in 12*