Die darstellenden und die bildenden Künste. 229 Werken zeigen die Passionen in der Führung der Einzel⸗ stimmen insofern noch einen verhältnismäßig altertümlichen Charakter, als sich noch vielfach die alte, wenn auch arios be— lebte Psalmodie findet. In den Chören dagegen bricht die neue Art lebhaft in dramatisch charakterisierenden Elementen von sieghafter Kraft hervor: populäre Leidens chaften namentlich werden überaus lebensvoll geschildert; wer, der ihn gehört hat, wird z. B. den Kreuzigungschor vergessen? Entwicklungs⸗ geschichtlich am höchsten aber stehen unter diesen Werken wohl die Sieben Worie am Kreuze. Hier ist das wunderbar ariose Rezitativ der Einzelreden Christi und der übrigen evangelischen Personen, das sich in den Kreuzesworten zum ergreifendsten Pathos steigert, ohne doch je feierlich-keuschen Ernst zu ver⸗ lieren, durch Chorsätze von außerordentlicher Kraft umrahmt, deren erster, aus dem Choral „Da Jesus an dem Kreuze stund“ entwickelt, von einer überaus fein gegliederten und weihevoll ins Geheimnisvoll⸗Erhabene aufsteigenden Symphonie umfaßt wird, während in dem Schlußchor „Wer Gottes Wort in Ehren hat“ die Gemeinde Betrachtungen über den Opfertod Christi als Mittel zum ewigen Leben anstimmt. Schuͤtz ist der erste große Meister des individualistischen Musikstiles in Deutschland. Er handhabt die neuen Mittel, Instrumente und namentlich Einzelgesang, mit intensiverem musikalischen Ausdrucke in persönlicher Herrschaft; er dringt mit ihnen zu verinnerlichter Tonmalerei vor; er versinnlicht die Regungen reiner Schmerzen und reiner Himmelsfreude, er leiht der Reue Töne und Töne dem klagenden Gewissen. Er ist pathetisch gegenüber den objektiven Formen der älteren Musik: aber in gläubiger Demut von den allgemeinen Heils⸗ wahrheiten der Kirche durchdrungen, schafft er trotz allem noch in jungfräulicher Herbigkeit, zurückhaltend gleichsam gegenüber der gefährlichen Macht neuer Töne, die in seine Hand gelegt ist; und hören wir seine Musik, so überkommt uns der stille Schauer des Morgens vor triumphierendem Sonnenaufgang. Ahnungsvoll erschließt er das Neue, gleich einem Meister Wilhelm der Malerei; ein einzig glücklicher Moment ist es,