230 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel. auf dem seine Kunst beruht; und so konnte er keinen Nach— folger gleichen Sinnes haben. Mit und nach ihm haben viele in dem neuen Stil komponiert; uüberaus zarte Choräle und Kirchenmusiken sind entstanden; Johann Crüger schuf die unvergleichliche Melodie zu „Jesus meine Zuversicht“; Schein (7 1630), Albert (f 1651), Hammer⸗ schmidt (f 1675), Rosenmüller (f 1682) entwickelten neben größeren kirchlichen Kompositionen das geistliche Lied im engeren Sinne: aber keiner erreichte die lichten Höhen Schützens: erst Johann Sebastian Bach hat, was er geschaffen, wieder auf—⸗ genommen und mit größerem Genie und intensiveren Tonmitteln im strahlenden Lichte des Mittags vollendet. II. . Vielverschlungen auf den ersten Blick, im Grunde aber einfach und folgerichtig verlief die Geschichte der Musik. Die Ausdrucksmittel, soweit sie nur das rein Physikalische, gleichsam minder Seelische der Töne ins Auge faßten, begannen ab⸗ gestreift zu werden: hervor trat der Ton als Träger besonders intensiver seelischer Stimmung. In diesem Vorgange wird die Musik erst zu dem, was wir der heutigen Bedeutung des Wortes nach unter ihr verstehen; und allein schon ihre Ent— wicklung in diesem Sinne bedeutet einen außerordentlichen, in neuer und reinerer Sphäre sich vollziehenden Fortschritt in der Intensität der künstlerischen Erfassung und Wiedergabe des Seelenlebens. Mochten auch die Mittel in dieser Hinsicht im Vergleiche zu den heute bekannten und angewandten noch be⸗ scheiden sein: ein Anfang war gleichwohl gemacht, — zum ersten Male war die Musik in den ernstesten Wettbewerb getreten mit derjenigen darstellenden Kunst, die bisher vorwiegend ent⸗ wickelt war, der Dichtung. Es war ein Vorgang, der seine Erklärung vornehmlich darin findet, daß nunmehr seelische Regungen künstlerisch er— faßt zu werden begannen, denen gegenüber das bloße Wort zu versagen schien. Aber mußte nicht die in dieser Richtung