Die darstellenden und die bildenden Künste. 289 eine zunehmend genauere Wiedergabe des Umrisses verfolgen, bis im Ausgang dieses Mittelalters der volle Realismus des Konturs erreicht ist. Inzwischen aber war schon ein zweites Element der äußeren Erscheinungswelt in der Malerei künstlerisch ergriffen worden: die Farbe. Hatte man sie noch bis ins 11. Jahrhundert nur als kinen ornamentalen Wert gekannt, so daß die Umrisse von Pferden blau, von Bäumen gelb, des Himmels golden, der Erde rot ausgetuscht werden konnten, so stellte fich doch um diese Zeit der Sinn für die natürlichen Farbenwerte ein und hat seitdem, unter der Ausbildung besonderer Paletten für die einzelnen Zeitalter, z. B. der Palette der einfachen Komplementär⸗ farben für das 14. und 15. Jahrhundert, bis ins 16. Jahr— hundert stetig zugenommen. Und schon kündigte sich gegen Schluß des Mittelalters in der Malerei ein neues, drittes Element künstlerischer Aneignungs⸗ weise der Außenwelt an: das Licht: wir werden davon bald genauer zu reden haben. Sucht man nun die allgemeine Tendenz auf, welche diesem Entwicklungsgange der Malerei zugrunde liegt, so kann man sie in dem Bestreben finden, die Körperlichkeit der Außenwelt mmer intensiver auf die Malfläche zu bannen. Nun ist diese Fläche bekanntlich zweidimensional; einfacher Umriß und ein⸗ fache Farben, die sich in den beiden Dimensionen der Höhe und Breite halten, waren ihr also nicht schwer einzuverleiben. Eine weit schwierigere Aufgabe dagegen ergab sich, sobald es darauf ankam, die dritte, die Tiefendimension, zur Anschauung zu bringen. Zwei Mittel konnten hierfür in Anspruch genommen werden, von denen aber nach Anwendung des ersten schließlich doch nur das zweite völlig befriedigende Resultate zu ergeben vermochte: eine genaue Reduktion des Größenmaßstabes der Umrisse im Sinne der unserem Auge geläufigen Tiefen⸗ verjüngung und eine genügende Wiedergabe der mit der Zu— nabme der Tiefendimension sich wandelnden Belichtung. Nun ist klar, daß man der ersten Erscheinung noch inner— halb des Gebietes einer erweiterten Umrißkunst gerecht werden Lamprecht. Deutiche Geschichte. VI. 19