336 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel. gültig zur fremden Schriftsprache entwickelte. So fand hier wohl noch ein Austausch auf dem Gebiete der dichterischen Theorien statt, wie auch vereinzelt Nachahmung vorkam; im ganzen aber ging das innere Deutschland seinen eigenen Weg, der, nach langer Pilgerzeit, zu den dichterischen Höhen einer neuen, subjektivistischen Zeit, des Zeitalters Schillers und Goethes führte. Noch ungünstiger für die Niederlande verlief die musika— lische Entwicklung. Hier hatten die Vlamen im 15. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Triumph der Mensuralmusik herbeigeführt: aber eben indem sie Träger dieser großen Entwicklung geworden waren und allzu lange blieben, hatten sie sich untauglich gemacht, die Führung in den folgenden Zeiten zu übernehmen. Vielmehr gewann hier das innere Deutschland schon im 17. Jahrhundert unbestritten die Palme: mitten aus dem Jammer des Dreißigjährigen Krieges ertönen die Melodien eines Heinrich Schütz; und auf Schütz folgten nach kaum einem Jahrhundert Bach und Händel. So machte sich, trotz der ungeheuren Einwirkungen der seit der Entdeckung Amerikas veränderten Weltlage zugunsten der Niederlande, dennoch die eingeborene Kraft der großen nationalen Entwicklung des Zentrums geltend: wie eine un— zerstörbare, im tiefsten Schoße deutschen Wesens geborgene Naturanlage wirkte sie; und sie hat schließlich gesiegt, wenn auch nach harten Schicksalsschlägen und unter dem noch nicht wieder ausgeglichenen Verluste der allzu rasch vorwärtsgeschrittenen aiederländischen Provinzen. Sind das aber alles Ergebnisse, die zu jener übertriebenen Bewertung des Gewichts einzelner politischer Ereignisse für das Gesamtschicksal einer Nation veranlassen können, die auch heute noch vielfach im Schwange ist?