Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 348 Was mußte nun unter diesen Umständen eine fast un— unterbrochene Folge von dreißig Kriegsjahren bedeuten! Aber damit noch nicht genug. Sehr bald begann ein zu— nehmender Vernichtungszug schwerer Volkskrankheiten, der Pest, der Blattern, des Typhus, des Skorbutes, der Ruhr und anderer Epidemien, denen gelegentlich die Bevölkerung ganzer Land⸗ schaften beinah zum Opfer fiel. Nichts charakteristischer auf diesem Gebiete, als daß die alltägliche Beobachtung dieser Krank⸗ heiten, wie sie späteren Zeiten niemals wieder eine gleich reiche Erfahrung ermöglichte, schon damals den Polyhistor Athanasius Kircher zu der Theorie veranlaßte, daß kleine Lebewesen als Erreger und Vertreiber epidemischer Krankheiten zu gelten hätten. Und zu den Volkskrankheiten kamen noch nicht minder epidemische Hungersnöte, die in ihren grausigsten Folgen nur in den schweren Hungerszeiten des früheren Mittelalters ein Gegenstück finden; Menschenfresserei war in abgelegenen Gegenden gar nicht so selten; im Jahre 1635 wäre der Kupferstecher Mathaeus Merian der Jüngere ihr fast in den Straßen Frank⸗ furts zum Opfer gefallen. Nach alledem wird man erwarten, daß die Nation aus den Nöten des Kriegs mit stark zurückgegangener Seelenzahl heraustrat. Den Verlust freilich im einzelnen genau festzustellen, wird schwerlich je gelingen!. Abgesehen von dem Mangel gleichmäßiger Quellen steht eingehenderen Gesamtberechnungen namentlich entgegen, daß die Struktur der Bevölkerung sich während des Krieges selbst stark geändert hat. Sehr zahlreich waren allmählich die Bewohner des platten Landes geworden, die von ihrem Heim hinweg in die Städte flüchteten, um sicherer zu wohnen. Nicht minder steht weiter die Tatsache fest, daß die Zahl der Landstreicher, Vagabunden, überhaupt der völlig fluktuierenden Bevölkerung sehr zunahm. Auch die Auswande— rung war wohl nicht gering, wenngleich sie sich im einzelnen Jastrow, Volkszahl deutscher Städte, S. 206, stellt übrigens schon einen nicht weiter verwunderlichen Rückgang der Geburten in den Städten für die Jahre 1599 - 1619 fest.