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      <div>Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 43 
gleich entschiedener emporschoß, durch den außerordentlichen 
kommerziellen Aufschwung des Landes seit etwa 15885 unter— 
hunden werden? Das Gegenteil geschah. Noch mehr wie 
bisher trat die Gemeinde zurück, und der Reichtum häufte sich 
in den Familien der Vroedschappen. Bezeichnend hierfür 
ist, daß dem Aufschwung des Handels keineswegs ein Auf— 
schwung der Industrie folgte oder zur Seite ging. Zwar 
kamen einige Luxusindustrien auf, wie die Edelsteinschleiferei 
in Amsterdam, und an den Getreidehandel schloß sich natur— 
gemäß eine Mühlenindustrie an, aber keineswegs mehr in 
handwerklichen Formen. Im übrigen aber suchten die Vroed— 
schappen eher zu unterdrücken als zu fördern, was noch von 
handwerklicher Industrie aus früheren Zeiten vorhanden war; 
sie wollten keine mündigen Gemeinden steigenden handwerk— 
lichen Reichtums. Darum haben sie die Zunftverfassungen 
überall zerstört, mit Ausnahme derjenigen etwa Dordrechts, 
Deventers und teilweis Groningens; die Seestädte vor allem 
kannten nur ein gering entwickeltes, ganz unter Aufsicht der 
Vroedschappen stehendes Handwerk. Dagegen hielten eben sie 
für Kleinhandel und Binnenschiffahrt noch während des ganzen 
17., ja 18. Jahrhunderts hartnäckig die alte zunftmäßige Or— 
ganisation aufrecht; denn hier war das Zunftprinzip trefflich 
geeignet, jeder persönlichen Initiative solcher Händler entgegen— 
zutreten, die sich etwa vermaßen, sich über ihren Stand in die 
satten Kreise des Großhandels emporzurecken. 
Das Ergebnis dieser ganzen Bewegung war natürlich 
steigende Entfremdung der Gemeinden und der regierenden 
Aristokratie. Schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts 
war man darin so weit gelangt, daß die größte Weisheit einer 
städtischen Regierung in der Beherrschung der schwierigen Menge 
gesehen werden konnte!; und bereits um die Mitte des 17. Jahr⸗ 
hunderts war man sich über die Tendenz der gesamten Ent— 
wicklung und ihre Schädlichkeit klar. Aber weder Johan 
de Witt noch die Oranier haben seitdem den Lauf der Dinge, 
teilweis trotz besten Willens, noch ändern können. 
Der Historiker Hooft ed. Hecker, JI S. 12, 366 f.</div>
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