<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Neuere Zeit</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1892067188</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>se 
Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
in der Ehe vor allem eine sittliche, nicht eine sinnliche Gemein— 
schaft sieht, war doch im 16. Jahrhundert eben erst im Wachsen 
begriffen. Luther meint darum: „In diesen Dingen möchte ich 
keine Bestimmungen treffen, obgleich ich von nichts lieber 
wünschte, daß es fest geordnet würde, da mir und vielen anderen 
mit mir heutigentags nichts anderes so viel Not bereitet.“ 
So viel aber ergab sich doch schon aus dem Eheleben für 
den Charakter der Familie, daß der einzelne sich in ihr in der 
abgeschlossenen Eigenheit seines Gehaltes fühlen, seinen Selbst⸗ 
wert, seine Selbstkraft empfinden konnte: eben aus der Ent— 
wicklung der Familie ging der Individualismus der führenden 
Schichten hervor. 
Freilich nicht aus ihr allein und nicht allein aus ihren 
Konsequenzen. Vielmehr trafen sich zu seiner Begründung wie 
in einem Brennpunkte alle großen Tendenzen der Zeit über— 
haupt, und eine ganze Anzahl derselben vereinigte sich schon 
vorher zur Entwicklung der freieren Berufswahl. Auch die 
Fortbildung der Familie hat zu dieser beigetragen, indem ihre 
zunehmende Freiheit die familienhafte Erblichkeit der Berufe 
auflöste, nicht minder auch die Erweiterung des räumlichen und 
geistigen Horizonts, von der oben ausführlich die Rede war, 
fowie die zunehmende Verbreitung schriftlicher Tradition bis 
in die untersten Klassen, indem sie das Erlernen gewisser Berufs— 
arten von mündlicher Überlieferung unabbängiger stellte als 
hisher. 
Widerspiegeln aber mußten sich alle diese Richtungen der 
Berufswahl in dem Charakter der sozialen Schichtung. 
Die Struktur der Gesellschaft in fortgeschritteneren Zeiten 
der Kultur ist stets verwickelt und keineswegs aus einem einzigen 
Prinzipe her zu erklären; vielmehr schimmern in ihr regel— 
mäßig die Grundlagen aller früheren sozialen Schichtungs— 
vorgänge noch mehr oder weniger durch. So kannte das in— 
dividualistische Zeitalter und vor allem das 16. Jahrhundert 
aus der sozialen Schichtung der Urzeit her noch den Unterschied 
des Geburtsrechts: es gab geborene Freie und geborene Un— 
freie; so war ihm nicht minder aus dem Zeitalter der ent⸗</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
