Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
die Reformation ein unmittelbares Verhältnis zwischen dem
heilsbedürftigen Individuum und Gott, zwischen dem Selbst—
bewußtsein und dem Gottesbewußtsein geschaffen worden, so
war klar, daß diese Wandlungen auch für die intellektuelle
Entwicklung von den entscheidendsten Folgen sein mußten. In—
dem mit der neuen religiösen Anschauung Ernst gemacht wurde,
verflüchtigte sich der objektive Offenbarungsglaube, wie schon
die täuferischen Lehren wenigstens teilweis gezeigt hatten,
seiner praktischen Bedeutung nach zum inneren Erlebnis: die
Wunder fielen, und der menschliche Verstand trat der Welt der
Geschichte wie der Welt der Natur gegenüber souverän hervor,
bereit, beide nur vermöge seiner Mittel zu beherrschen. Und
indem die Welt der Erscheinungen dem intensiveren ästhetischen
Empfinden so nahe trat, daß ihre künstlerische Beherrschung
vermöge der in der einfachen Anschauung gegebenen Erfahrung
schon in hohem Grade vollendet erschien, mußte sich die Er—
weiterung dieser Erfahrung durch wissenschaftliche Mittel, wie
sie Optik und verwandte Wissenschaften darbieten, aufdrängen:
der Intellekt wurde auch hier, wenn nicht zum Herrn, so doch
zum immer anspruchsvolleren Diener der Einbildungskraft.

Nun sind diese Veränderungen freilich keineswegs rasch
eingetreten; in säkularen Wandlungen, auf Grund von tausend
und abertausend Wirkungen verschiedenster Art, nach der Weise
geologischer Revolutionen, haben sie sich vollzogen. Aber sie
mußten alsbald einsetzen, wenn auch zunächst nur in leisen
Anfängen; und dem Zeitalter vornehmlich künstlerisch-religiöser
Affekte folgte darum ein Zeitalter des Verstandes, die en—
thusiastische Periode des Individualismus wurde durch eine
intellektuelle abgelöst. Und schon gab es eine große Anzahl
oon geschichtlichen Zusammenhängen, die einen Fortschritt des
Seelenlebens vornehmlich in dieser, in der intellektualistischen
Richtung bedingten.

Hierhin gehört vor allem jene außerordentliche Erweiterung
des räumlichen Horizonts und damit des Horizonts auch des
geschichtlichen Völkerlebens der damaligen Gegenwart, die im
Verlaufe des 16. Jahrhunderts eintrat.