Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
sich und fand dann allmählich auch in der Literatur einen nie
zuvor gekannten Widerhall; ja selbst Angelegenheiten des Herzens
kamen bereits brieflich zum Ausdruck: man begann das Korre—
spondieren „sich besuchen“ zu nennen, und man schrieb sich
Gesellenbrieflein“, die von Verehrung, Zuneigung, Freund⸗
schaft zu reden wußten.

Freilich hielt sich dieser Verkehr noch immer in sehr
mäßigen Grenzen — charakteristisch sind dafür die zahlreichen
Bestellungen, welche die Briefsteller zugleich für andere dem
Briefe einzuverleiben pflegten, sowie die noch länger andauernde
Verquickung des Privatschreibens mit der Zeitung, die dem
Briefe etwas Kollektivistisches gab —; aber doch war der
Fortschritt gegenüber dem Mittelalter gewaltig. Und seine
Folgeerscheinungen müssen als nicht minder wichtig betrachtet
werden. Höhere Aufgaben der Kultur können nur durch immer
stärkere Vergesellschaftung der Einzelnen gelöst werden, derart,
daß diese Vergesellschaftung, in sich reich gestaltet, nach Zahl
der vertretenen Individuen wie nach Inanspruchnahme dieser
für gemeinsame Zwecke immer mehr zunimmt; nur in solcher
Gliederung vermag der Mensch die Welt zu beherrschen. Nun
ist aber die regelmäßigste Form dieser Vergesellschaftung im
nationalen Verband gegeben. Darum wird eine Vermehrung
des Verkehrs und mit ihr eine Vermehrung der Assoziations—
möglichkeiten innerhalb dieses Verbandes immer von besonderer
Bedeutung sein: und darum ist die Liebe zur Nation, zum
Vaterlande, wie natürlich eingepflanzt, so auch und gerade vor
allem vom Standpunkte geschichtlicher Betrachtung aus ein
hervorragend sittliches Gefühl.

Aber der Kosmopolitismus steht deshalb nicht im Wider—
spruch mit ihr. Freie Liebe zur Heimat kann nur durch An—
erkenntnis fremder Leistung erreicht werden; dem Trieb zur
Vergesellschaftung im Innern muß ein assoziativer Aus⸗
breitungs⸗ und Tätigkeitstrieb nach außen, dem steigenden
gegenseitigen Verständnis innerhalb des Vaterlands ein wachsen⸗
der internationaler Horizont entsprechen.

Auch in dieser Richtung brachte das 16. Jahrhundert