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Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
dem alten und dem neuen System folgten: bis die Beobachtung
der Jupitermonde und der Lichtgestalten der Venus durch Galilei
noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Entscheidung
zugunsten der neuen Lehre brachte.

Es war eine Revolution sondergleichen, die den Köpfen
der Zeitgenossen mit der Annahme der koppernikanischen Hypo—
these zugemutet wurde. „Vielleicht ist noch nie eine größere
Forderung an die Menschheit geschehen“, urteilt Goethe:
denn was ging nicht alles durch diese Anerkennung in Dunst
und Rauch auf: ein zweites Paradies, eine Welt der Unschuld,
Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis der Sinne, die
Überzeugung eines poetisch⸗religiösen Glaubens; kein Wunder,
daß man dies alles nicht wollte fahren lassen, daß man X
auf alle Weise einer solchen Lehre entgegensetzte, die denjenigen,
der sie annahm, zu einer bisher unbekannten, ja ungeahnten
Denkfreiheit und Großheit der Gesinnungen berechtigte und
aufforderte.“

2. Es ist zu nicht geringem Teile deutsches Denken und
Wirken gewesen, das im 16. Jahrhundert die Verschiebung des
nationalen Standpunktes zum kosmopolitischen, des terrestrischen
Horizonts zum heliozentrischen herbeizuführen begann. Allein
diese noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts glücklich
verlaufende Initiative der Nation ging, wenigstens was das
innere Deutschland betrifft, seit der zweiten Hälfte dieses Jahr⸗
hunderts verloren. Das geistige Leben machte jetzt nicht die
erhofften Fortschritte mehr, das Verkehrsleben ging mit der
Abschwächung der geldwirtschaftlichen Erscheinungen überhaupt
zurück, die Teilnahme des inneren Deutschlands an der Auf—⸗
fuchung und Beherrschung der neuen Länder hörte auf, man
spann sich ein in die Fäden einer unbefriedigenden heimischen
Kleinpolitik.

Man kennt den Verlauf dieser Erscheinungen und ihre

Zur Farbenlehre (Werke Weim. Ausg. II. 3 S. 218f.).