Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 17
baltischen Provinzen, Schiffsbaumaterial aus Norwegen, Eisen
aus Schweden, mannigfache Produkte endlich aus den Fluß—
gebieten Norddeutschlands und Polens. Im Jahre 1640 gingen
3450 Schiffe durch den Sund; davon führten 1600 holländische,
430 englische und nur 147 noch lübische Flagge.

Aber neben den nordeuropäischen Verkehr trat seit dem
gewaltigen Aufschwunge des Landes in der Zeit seiner Befreiung
immer mehr auch südeuropäischer und ozeanischer. Was be—
deutete es für diesen Verkehr nicht allein, daß von den Kaper—
briefen an, die Wilhelm von Oranien den Wassergeusen erteilt
hatte, bis zum Ende des 16. Jahrhunderts eine glänzende
Orloogsflotte der nördlichen Staaten entwickelt ward, deren
Admirale den Ruhm des Landes durch alle Welt trugen! Und
wie wichtig war es, daß in dieser Zeit durch Personalunion aller
großen Amter in den Händen der Oranier eine wesentlich ein—
heitliche Behandlung der Verkehrs- und Handelsfragen ge—
schaffen ward!

Bedeutsamer aber noch für den plötzlichen, fast unvermittelt
ins unerhörte steigenden Aufschwung Nordniederlands während
des ersten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts war die Be—
fruchtung mit südniederländischem Kapital, wie sie mit dem
endgültigen Siege der Spanier über Flandern und Brabant
eintrat. Das bezeichnendste Ereignis war hier der Fall Ant—
werpens im Jahre 1585. Von da ab gab es keinen Groß⸗
handel im Süden mehr; mit den Zehntausenden kleiner Gewerb—
treibender, die schon früher die geknechteten Provinzen verlassen
hatten, wanderten jetzt auch die Großkaufleute aus, ein Moucheron,
Usselincx, Isaak und Jakob Lemaire; und fast alle wandten sich
dem Norden, Holland und Seeland, zu. Was das bedeutete,
mag das eine Beispiel Balthazars de Moucheron zeigen. Als
Moucheron im Zahre 1597 oder 1598 von Middelburg nach
der kleinen, nördlich von Middelburg auf der Insel Walcheren
gelegenen Stadt Veere übersiedelte, verpflichtete er sich, gegen
Uberlassung von Waren⸗ und Wohnräumen durch den Rat,
jährlich ungefähr 18 Schiffe von Veere aus- And einlaufen zu
lassen. Diese Schiffe gingen unter dem buggundischen Kreuz

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 2