Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 25
hundert verknüpfte sich für den Binnendeutschen mit dem
Worte Mynheer die Vorstellung beinah allmächtigen Reichtums,
und dem Untergrunde der erweiterten Weltkenntnis und einer
geistigen Muße bei noch vorhaltender Tatkraft und ungebrochener
Fähigkeit geistiger Aufnahme entwuchs jene glänzende Kultur
des Endes des 16. und vornehmlich des 17. Jahrhunderts, die,
höchster Ausdruck germanischen Könnens in dieser Zeit und
gewaltigste Potenzierung vielleicht des Individualismus auf
deutschem Boden überhaupt, die binnendeutschen Lande weithin
überschattete und befruchtete.

II.
1. Das Zeitalter des Kolumbus und des Vasco de Gama
ist zugleich das Zeitalter Luthers und die Zeit einer ersten
energischen geschichtlichen Distanzierung vom Mittelalter weg
durch Humanisten wie Erasmus gewesen. Es war das kein
Zufall: dem Erscheinen dieser großen Männer lag derselbe innere
Entwicklungstrieb zugrunde, der Fortschritt der Veranlagung des
Individuums zu einer höheren seelischen Entfaltung, und diesem
Fortschritte entsprach sehr rasch eine mächtige Ausdehnung wie
des räumlichen so auch des zeitlichen Horizontes.

Von der größten Bedeutung war es in dieser Hinsicht
schon, daß der zeitliche Gesichtskreis nicht mehr bloß einer blieb.
Bisher hatte sich alles ernste geschichtliche Denken nur auf die
große Urvergangenheit des Christentums bezogen, und so waren
historisches Verständnis und Offenbarungsglaube ineinander
verschmolzen gewesen. Jetzt dagegen begannen neben der Über—
lieferung des Christentums andere Traditionsmassen lebendig
in die Gegenwart zu ragen. Sehen wir von weniger starken
Strömungen auf diesem Gebiete ab, dem Zusammenhang z. B.,
der die Warten der Sterndeuter und die Küchen der Alchimisten
mit der arabischen Kultur verband, so stellte sich vor allem die
antike Kultur im Humanismus neben das Christentum.

Und wie sehr vom christlichen Geiste verschieden war der
Geist, in dem dieser Humanismus namentlich anfangs, in den
Zeiten unmittelbarster Wirksamkeit der Antike, zutage trat.