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Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
zipation des Geistes und nicht bloß des geschichtlichen Blickes.
Im späteren Mittelalter war die Einzelperson zuletzt innerlichst
nur noch an die Kirche gebunden gewesen. Denn eben die
Kirche hatte längst mit Erfolg gelehrt, daß alle anderen Ge—
meinschaften, namentlich auch die Staaten, gegenüber dem
übernatürlichen Ursprung der katholischen Gemeinschaft nur
vergängliche Bildungen seien, auf natürlichem Wege entstanden,
für vorübergehende Zwecke bestimmt: Gemeinschaften mithin,
an die den einzelnen kein tieferes Band knüpfe. Nun aber
kamen die Reformatoren und setzten an Stelle dieses letzten,
bisher für unverrückbar gehaltenen Elementes der Kirche Gott:
und so schien das Individuum von diesem Augenblicke an allen
anderen Mächten des Himmels und der Erde gegenüber eman⸗
zipiert dazustehen: Selbstbewußtsein und Gottesbewußtsein, sie
ergaben sich von jetzt ab als die Angeln seines Wesens und
seiner Betätigung.

Es war ein Standpunkt, der außer dem christlichen
Offenbarungsglauben auch andere Weltanschauungen theistischen
und pantheistischen Charakters im tiefften Grunde zuzulassen
schien; und namentlich schien er einem insgeheim schon weit
verbreiteten, aus der intellektuellen Veranlagung des späteren
Mittelalters leicht erklärlichen Pundynamismus die Pforten weit
zu öffnen.

Allein sollte der ungeheure Schritt vom Offenbarungs-
glauben zur Bildung freier Weltanschauungen so leicht getan
werden? Die Zeit war hierfür noch nicht reif. Der Wunder⸗
glaube als Grundlage des Offenbarungsglaubens wurde selbst
von so scharfen Kritikern des Neuen Testamentes wie Occhino
und den Sozzinis noch nicht angefochten — geschweige denn
von den Reformatoren. Sie alle suchten die Basis des Indi⸗
vidualismus — Weltbewußtsein und Gottesbewußtsein — nur
auf, um auf ihr ein neues System geoffenbarten Christentums
zu errichten; ebenso wesentlich als diese Basis blieb ihnen also
die ungeschwächte Autorität der Bibel. Aus einem Ausgleich
der individualistischen und der biblischen Auffassung sind daher
die ersten großen Kodifikationen des neuen Glaubens, Melanch—