32 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
erreicht wurde dieses Ziel mit nichten. Vielmehr vollendete
sich im Trienter Konzil in gewissem Sinne die Bewegung zum
Augustinismus, die schon im 15. Jahrhundert auf eine Indi⸗
bidualisierung des Christentums ausgegangen war, insofern, als
eine fromme Partei wenigstens gegenüber Luther, der über
Augustin hinausgegangen war, den reinen Augustinismus durch⸗
zusetzen bestrebt war und nicht unbedeutende Zugeständnisse
erreichte. Und blieb gleichwohl die Tatsache bestehen, daß der
Katholizismus seine Dogmen im Tridentinum weit starrer und
deil mutelalterlicher durchbildete als das Luthertum, so konnte
demgegenüber zugunsten der alten Kirche, soweit es sich um
die Freiheit der geistigen Bewegung auf individualistischer
Grundlage handelte, bald ins Gewicht fallen, daß sie ihren
Dogmen gegenüber, im Unterschiede vom Protestantismus und
also auch vom Luthertum, keine innere Bindung, keinen
Glauben, sondern nur passiven Gehorsam, Unterlassung der
Auflehnung verlangte. Und so ist es an sich wohl gestattet,
ja gegenüber der freieren Stellung des reformierten Bekennt⸗
nisses bis zu einem gewissen Grade geboten, Luthertum und
Katholizismus gegenüber der individualistischen Bewegung des
16. bis 18. Jahrhunderts gemeinsam zu betrachten. Und da
wird das Urteil für beide, das innere Deutschland nahezu be⸗
herrschende Kirchen dahin lauten müssen, daß sie mit ihrem
hollen Ausbau in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts den
freien Aufschwung individuellen Seelenlebens mehr aufgehalten
als gefördert haben.

Charakteristisch ist in dieser Hinsicht das Verhalten beider
Kirchen gegenüber einem Begriffe, dessen Entwicklung und Ver⸗
hreitung vornehmlich der reformierten Konfession verdankt wird,
gegenüber dem Begriffe der Toleranz.

Toleranz bis zu einem gewissen Grade hat es von jeher
in enggeschlossenen Kreisen einer bestimmten, fest ausgeprägten
Kultur gegeben: die kirchlichen Kreise des 8. und 9. Jahr⸗
hunderts, die Krieger der Ritterzeit, die Sänger des Huma⸗
dismus waren unter sich tolerant. Sie hatten füreinander
schon die Erkenntnis, daß die Abweichungen der Gesinnung,