Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 33
die sich unter ihnen in leisen Schattierungen fanden, mehr auf
Gefühlsmotiven, denn auf Beschränktheit oder gar Unlauterkeit
der Gesinnung beruhten, mithin im Grunde zurückgingen auf
angeborene und anerzogene Unterschiede der Persönlichkeit:
d. h. sie hatten für ihre enge Gruppe bereits das Gefühl der
modernen, subjektivistisch charakterisierten Duldung.

Aber ihre Zeiten waren intolerant. Warum? Weil man
in ihnen, sie als Ganzes betrachtet, Abweichungen der Meinung
nicht auf Gefühls- und Temperamentsunterschiede zurückführte,
sondern auf böswillige und störrige Anderswilligkeit der Er⸗
kenntnis. Eine solche Auffassung setzt den Glauben an eine
objektive Einheit der Erkenntnis voraus, wie sie nur durch
einen Autoritätsglauben gewährleistet werden kann. Darum
gehen Autoritätsglaube und Unduldsamkeit zusammen.

Nun hielt aber das 16. Jahrhundert wenigstens im inneren
Deutschland — im Gegensatze zu den Niederlanden — noch
durchaus am Autoritätsglauben überhaupt fest, bis zu dem
Grade, daß man z. B. selbst Druckfehler der lutherischen
Bibelübersetzung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
nicht zu verbessern wagte und daß man, um ein Beispiel aus
ganz anderem Gebiete zu wählen, in der Landwirtschaft durch⸗
aus die italienischer Natur angepaßten Kulturvorschriften der
Alten lehrte: das Praedium rusticum vom Jahre 1588 3. B.
rät noch treuherzig nach Columella, im Januar zu brachen!
Und weit entfernt blieb man auch noch im 17. Jahrhundert
im inneren Deutschland von der geistigen Freiheit der refor—
mierten Niederlande und Englands; weder ein Baco von
Verulam trat hier auf, der wagen durfte, „mit dem Schwamm
über alles hinzufahren, was bisher auf die Tafel der Mensch—
heit verzeichnet worden war“, noch ein Descartes, der trium⸗
phierend auf ein Skelett hinwies: „Das sind meine Bücher.“

So konnte auch von Duldsamkeit nicht eigentlich die Rede
sein. Freilich war die Unduldsamkeit nicht mehr ganz so grau⸗
sam wie im Mittelalter: aber das ist mehr ein allgemeiner
Kulturunterschied als ein solcher der speziellen Entwicklung
der Duldung. Denn Zeitalter niedriger Kultur sind nervös un—

Lamprecht. Deutsche Geschichte. VI.