Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 85
17. Jahrhundert, namentlich auch im Fürstenstand, eine ganze
Anzahl von Geschlechtern gab, deren Mitglieder bald der einen,
bald der andern Konfession angehörten! Es sind Vorgänge,
die ohne weiteres auch das Dasein und die Zulassung außer—
christlicher oder nur halb oder scheinbar christlicher Welt—
anschauungen (und Weltanschauungsfragmente) begünstigen
mußten.
Da war es nun zunächst charakteristisch, daß sich seit
dem 16. Jahrhundert die alten Reste germanischer Mythologie,
wie sie in Sitte und Brauch des Volkes in oft wundersam
veränderten Formen fortlebten, nicht mehr so leicht wie ehedem
der christlichen Umbiegung fügten. So ist z. B. die Sitte
des Weihnachtsbaumes, von der wir zum ersten Male aus
Straßburg um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts
hören, von der Kirche zunächst nicht mehr christlichen Vor—⸗
stellungen dienstbar gemacht worden; erst in den dreißiger
Jahren des 19. Jahrhunderts haben sich hier Beziehungen
zum Christentume, und zwar namentlich zum Vrotestantismus.
spontan entwickelt.

Von weit größerer Bedeutung jedoch war es, daß sich
neben den christlich-konfessionellen Weltanschauungen, vornehmlich
im inneren Deutschland, eine von ihnen ziemlich unabhängige
pandynamische und zumeist pantheistische Weltanschauung ent—⸗
falten konnte, wie sie in der Mystik des 16. Jahrhunderts,
in dem Natursystem eines Paracelsus, in den wunderlichen
Erscheinungen der Alchimie und Astrologie, sowie in der furcht—
baren Epidemie eines praktisch gewandten Hexenwahns auf—
trat. Gewiß waren die Wurzeln dieser Weltanschauung
wesentlich noch mittelalterlichen Charakters; um die Mitte
etwa des 17. Jahrhunderts haben sie, zugleich mit dem Aus—
scheiden des volkstümlichen Aberglaubens aus der Welt—⸗
anschauung der Gebildeten, zu verdorren begonnen. Hier aber
muß betont werden, daß dieser Pandynamismus sich im
16. Jahrhundert doch stark genug erwies, sogar in einige Teile
der christlichen Weltanschauung entscheidend vorzudringen: es

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