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Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
ist bekannt, wie sich alle Kirchen zu Dienerinnen des Hexen—
wahns gemacht haben.

Überschauen wir nach alledem den Einfluß zunächst der
—E
weiterung des geschichtlichen Horizontes wie auf die Befreiung
des Seelenlebens überhaupt, so werden wir ihn wie auch die
Einwirkungen des Humanismus, der ihnen im inneren Deutsch—
land je länger je mehr einverleibt worden war, nicht allzu
hoch veranschlagen dürfen: trotz einer gewissen Annäherung an
die individualistische Grundlage bei der katholischen Kirche,
trotz ursprünglichen Ausgehens des Luthertums eben von dieser
Grundlage waren doch beide Kirchen durchaus und im Zentrum
ihrer Auffassung sakramental geblieben, war mithin für sie
der Offenbarungsglaube in seiner strengsten Form noch maß⸗
gebend. Jeder Offenbarungsglaube aber verschränkt den ge—
schichtlichen Gesichtskreis autoritär, falls er nicht selbst wieder
historisch gefaßt wird, und kann daher nur bis zu einem ge⸗—
wissen Grade, nicht aber absolut geschichtlich befreiend wirken.

Anderseits aber gab es eine Konfession, welche nicht den
sakramentalen Standpunkt des Luthertums und des Katholi—⸗
zismus teilte: das war die reformierte, und es gab auf
deutschem Boden ein Land, in welchem dem Standpunkte dieser
Konfession ebensosehr von der Grundlage einer freien Lebens—
haltung überhaupt wie mit Hilfe eines selbständiger entwickelten
Humanismus ein viel klarerer und unbegrenzterer geschicht⸗
licher Horizont abgewonnen ward: das waren die Niederlande.

2. Ein niederländischer Historiker hat einmal geäußert:
„Wat het licht voor ons oog, de lucht voor onze longen is,
dat is eenmal het kalvinisme voor ons vaderland geweest:
rijne levensvraag, de bron zijner sterkte en van zijn be-
staan“ 1. In der Tat, der Calvinismus war die Lebensluft
der Niederlande nicht bloß in der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗

t Van Vloten, Opstand tegen Spanje 1, S. 7.