Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 37
hunderts, sondern auch noch im 17. und 18. Jahrhundert;
aber wie er einerseits einen Grundton der tieferen geschicht—
lichen Harmonien auf niederländischem Gebiete abgibt, so ist
er anderseits nicht zu verstehen ohne Kenntnis mindestens der
sozialen und politischen Geschichte des Landes selbst. Es wird
daher unsere Aufgabe sein müssen, erst diese von dem Punkte
ab, bis zu welchem sie früher erzählt ist', d. h. vom Jahre
1609 an, in den für die innere Geschichte des Calvinismus
entscheidenden Zeiten bis zum Jahre 1648 zu verfolgen.

Da ist denn von der Tatsache auszugehen, daß der Auf⸗
schwung der Niederlande seit 1585, wie er sowohl auf dem Gebiete
der äußeren Politik als auch im Wirtschaftsleben eingetreten war,
keineswegs allen sieben Provinzen der Republik in gleicher Weise
zugute gekommen war. Um das Jahr 1600 war das Land
vielmehr politisch ein Konglomerat sehr verschiedenartiger Bil—
dungen: neben den Provinzen gab es noch freie Herrschaften ein⸗
zelner Adliger und sogenannte Generalitätslande, die dem ganzen
Lande, etwa wie heutzutage Elsaß-Lothringen dem Reiche, unter—
standen. Und auch wirtschaftlich und sozial war das Land
eine Zusammenfassung von Gegensätzen. Wer aus dem festungs⸗
reichen Geldern kam, der fand auf dem Lande in Overijssel die
alten Sitze eines kleinen Adels und in Utrecht die friedlichen
Lindenalleen der Hauptstadt eines ehemaligen geistlichen Fürsten⸗
tums, sowie die kleinen Wasseradern eines längst überholten
Handels; in Friesland aber grüßten ihn zwar Männer, die
sich der Freiheit der deutschen Urzeit rühmten, doch ihr Besitz
war gering; mit Ingrimm sahen sie auf ihre versandenden
Häfen Stavoren, Bolsward und Dokkum; und nur als Fischer
noch fuhren sie zu Meere. Wie wechselte aber das Bild, nahte
sich der binnenländische Reisende den seeländischen Provinzen!
Hier grüßten ihn schon, wie heute, bis zum Horizont aus—
gedehnte grüne Wiesenflächen mit prächtig weidendem Vieh und

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