38 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
militärisch aufmarschierten Windmühlen zur Hebung des hoch⸗
stehenden Grundwassers; dazwischen aber machten sich überall
Segel bemerkbar; mit tausend weißen Flecken kennzeichneten sie
den Zug der Kanäle, die schon Stadt mit Stadt und Stadt⸗
häfen und Meer miteinander verbanden. Denn die Städte
waren bereits alle, sowohl die achtzehn in Holland wie die
sechs in Seeland, zu Häfen gemacht, und selbst von Leiden
imd Haarlem aus fuhr man durch See und Deich bereits
hinaus ins offene Meer. So war die Bevölkerung gleichsam
amphibisch; Amsterdam, die jüngste und größte Stadt des
Landes, war geradezu in den Sumpf hineingebaut worden,
und auf Hunderttausenden von Rammbäumen ruhten, einem
festliegenden Geschwader gleich, seine Gebäude.

Von den beiden Provinzen aber, die am Meere lagen,
war Holland die weitaus bedeutendere. In Seeland beschränkte
sich die Schiffahrt auf Küstenverkehr und Fischerei; hier waren
die altnationalen Pinken zu Hause. In Holland dagegen sah
man die stolzen Drei- und Viermaster; und darum war
Holland das Haupt und die Seele der Republik. Im Jahre
1622 hatte es 1200 000 Einwohner, mehr als ein Drittel des
ganzen Landes. An Matrikularbeiträgen an die gemeinsame
Regierung zahlte es allein 581/8 0/0, während Friesland
12172, Seeland 9 0/0, die übrigen vier Provinzen zusammen
gar nur noch etwa 20 90 zu decken hatten. Und daneben
wußte es im Jahre 1650 noch anstandslos eine provinziale
Staatsschuld von 158 Mill. Gulden mit 6 Millionen zu ver—
zinsen.

Da begreift man wohl die Bedeutung seiner größesten
Stadt, Amsterdams. Anfang des 16. Jahrhunderts war
Amsterdam noch ein kleiner Ort gewesen; 1622 hatte es
108 000 Einwohner, 1672, zur Zeit seiner höchsten Blüte, bei—
nahe das Doppelte. Damals brachte es eine Bürgerwehr von
10000 Mann in 60 Kompanien auf, kraftstrotzende und
prunkende Mannschaften, wie sie Rembrandts „Nachtwache“ aus
einer etwas früheren Zeit her dem Besucher des Amsterdamer
Rijksmuseums noch heute vor Augen führt. Damals wurde