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Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
begrenzt, aber von weitester geistiger Wirkung, eine Welt, die
man wohl als eine höhere Lebensstufe gleichsam des binnen—
deutschen Patriziats des ausgehenden 15. und des beginnenden
16. Jahrhunderts betrachten kann. Und diese Welt war auf
geistigem Gebiete nicht mehr einseitig theologisch. Sie ergriff
bielmehr neben der christlichen Tradition den Humanismus mit
jugendfrischem Feuer: hier zum ersten Male entstand eine wahr⸗
haft volkstümliche Renaissanceliteratur wie eine nordisch—
zationale Renaissance der Architektur; hier zum ersten Male
ward, wie im 17. Jahrhundert in Frankreich, im 18. Jahr—
hundert in Deutschland, eine wirkliche Verschmelzung antiken
und modernen Geistes erreicht.

Indem aber diese Entwicklung eintrat, indem das Denken
über diese Erweiterung seiner bisherigen Kenntnisse zugleich
tortschritt zum Wagnis vollständigen Verständnisses der Welt,
unabhängig von jeder Tradition, und indem zugleich in außer⸗
ordentlichem Maße Lebensüppigkeit um sich griff, konnte von
den regierenden Schichten des Landes weder die Sittenstrenge
des urfprünglichen Calvinismus noch dessen wenn auch noch so
freies System des Glaubens gewahrt werden: in beiden Rich—
zungen trat eine Lockerung ein. Der Wahlspruch des Admirals
De Ruyter, der noch ganz der alten Zeit und dem alten
Glauben angehörte, war gewesen: „Wenn der allmächtige Gott
Unverzagtheit bescheren will, so behalten wir den Sieg“, und
seine einzige Erholung hatte in Bibellesen und Psalmensingen
hestanden. Hendrik Hoop, der tiefgebildete, vom Humanismus
gesättigte Staatsmann eines späteren Zeitalters, bezeichnete
Amsterdam als den neuen Hafen der Circe, wo die Menschen
gleich Schweinen lebten, und seine Hauptsprüche waren: ein
Jesunder Mann müsse das Heute genießen, auch wenn er wisse,
daß das Morgen ihm schmerzvollen Tod bringen werde, und:
nur Stümper könnten wünschen, mehr als sechzig Jahre alt zu
werden.
So war denn das Wahrzeichen dieser Kreise große geistige
Freiheit, aber zugleich, bei sorgsam vermiedenem Bruch mit
den traditionellen Formen des calvinistischen Glaubens, Pessi—