Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 47
mismus und Fatalismus im Falle entschiedenen und mutigen
Indifferentismus und eine mehr äußere Anlehnung an die
Kirche im Falle unklaren und feigen Denkens. Im allgemeinen
zjalten die diesen Kreisen Angehörigen mehr als Geistes⸗
herwandte des Humanismus als der Reformation; man sah,
wie ihnen die Unterschiede zwischen den Konfessionen gleich⸗
gültiger wurden, und wie sie sich, wenn sie sich nicht an den
Satz Oldenbarnevelds: nil seire tutissima sides hielten, im
allgemeinen einem abgeblaßten, wohl gar nur deistisch auf⸗
gefaßten Christentum zuneigten, und man nannte die Ent—⸗
schiedensten und Auffallendsten von ihnen Libertiner und
Neutralisten.

War das nun die geistige Haltung der oberen Kreise um
etwa 1600, wie hätten ihnen da die unteren Schichten folgen
können, zumal sie in immer ausgesprochenerem sozialen Gegen—
satze zu ihnen lebten? Je freier die Libertiner der Vroedschappen
mit ihrem Anhang zu denken begannen, um so inbrünstiger
umfingen die niederen Kreise die Überlieferungen des alten
rigorosen Calvinismus; sie zeterten gegen den Katholizismus,
der sich infolgedessen der regierenden Aristokratie um so enger
anschloß, sie verfluchten die religiöse Lauheit der herrschenden
Klassen und hingen mit steigender Bewunderung an den etwa
weitausend starren calvinistischen Predigern des Landes.

Nun hätte das an sich vielleicht noch nicht viel zu sagen
zehabt, hätten in den Gegensatz nicht schon von Leicesters
Zeiten her ganz bestimmte und konkrete kirchliche Forderungen
hineingeragt. Sie liefen vor allem auf eine gemeinsame
Kirchenverfassung aller Provinzen hinaus. Es war ein Ziel,
das zunächst das Ideal der calvinistischen Eiferer gewesen war,
dem aber auch die Aristokratie, wie sie jetzt besonders in den
Staaten der führenden Provinz Holland und in den Ansichten
Oldenbarnevelds ihren Hort fand, an sich nicht abgeneigt ge—
wesen wäre. Auch sie wollte eine große protestantische Kirche
der Republik. Nur sollte diese durch Formulierung eines
möglichst vagen Glaubensbekenntnisses weitherzig allen Nicht-
katholiken welcher Art auch immer Zutritt gewähren, zudem sich