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Siebzehntes Buch. Erstes Lapitel.
in Ausübung der Kirchenzucht von den staatlichen Gewalten,
d. h. eben wieder von der Aristokratie, gängeln lassen. Aber
das war natürlich ganz und gar nicht die Meinung der unteren
Klassen. Diese wollten eine Kirche, deren Herr ein strenger und
eifriger Gott sei, mit festem Bekenntnis und völlig selbstän⸗
diger Disziplin der kirchlichen Organe. Zum Unglück verquickten
sich nun diese gegenseitigen Forderungen und Wünsche der
Hauptsache nach auch noch mit ganz speziell dogmatischen
Differenzen.

Gegenüber der Lehre Calvins von der Gnadenwahl Gottes
im Sinne einer unerbittlichen Vorherbestimmung des Menschen
hatte sich das menschliche Gefühl von Anbeginn empört und
die Überzeugung von der Universalität vielmehr der göttlichen
Gnadenabsicht ausgesprochen!. Bereits in Calvins Gegenwart
hatte Hieronymus Bolsec zu Genf nach einer streng calvinischen
Predigt gegen sie protestiert; da war Calvin aus der Menge
hervorgetreten, hatte seine Lehre verteidigt, und Bolsec hatte
Lie Siadt verlassen müssen. Dann hatte 1556 Bibliander in
Zürich gegen den strengen Calvinisten Petrus Martyr erklärt,
er mache Gott im Dieb zum Dieb und im Teufel zum Teufel,
und hatte der Rektor der Genfer Schule, Sebastian Castellio,
den Vergleich hingeworfen, kein wildes Tier werde sein Junges
zur Oual bestimmen.

Zum vollen Durchbruch aber war die Opposition gegen
die absolute Willensunfreiheit doch erst in den Niederlanden
gekommen, vornehmlich nachdem diese infolge der Ereignisse
der Bartholomäusnacht (1572) von hugenottischen Gelehrten
überschwemmt worden waren. Hier äußerte zunächst, huma⸗
nistisch angeregt, ein Schüler von Seneca und Cicero,
Coonhert (geb. 1522), systematische Bedenken gegen die Gnaden⸗
wahl; und seine Richtung wurde dann, theologisch vertieft, zu
stärkerer Geltung gebracht durch den Professor Arminius (geb.
560. seit 16083 in Leiden). Arminius aber war es zugleich, der

Bgl. hi i
ain dae gl. hierzu und zum Folgenden Dilthey, Archiv VI, S. 548