Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 49
die mildere Lehre in den engsten Zusammenhang mit der libe—
ralen Strömung in den Vroedschappen und den humanistisch
angehauchten Kreisen brachte. Und indem er sich zur Würde
und Freiheit des Menschen bekannte unter Begründung einer
allgemeinen Gnade auf die ethische Natur Gottes, schied er die
rigorose Theorie Calvins aus der refomierten Lehre aus und
fand den Beifall der humanistisch-philologischen wie staats—
männisch-aristokratischen Strbmungen: Episcopius trat zu ihm,
und Hugo Grotius entwickelte in dem „Bewijs der ware
Godsdienst“ seine Lehren aus einer geläuterten Auslegung des
Neuen Testamentes, während in Frankreich Camero (seit 1618
Professor in Saumur) und seine Schule arminianische Lehren
vortrugen.

Allein die niederen Schichten in den Niederlanden waren
sehr weit davon entfernt, diesen aristokratischen und huma—
nistisch durchtränkten Anregungen zu folgen. Standen gegen
diese eifernde calvinistische Prädikanten auf, wie vor allem
Gomarus, so fiel ihnen alsbald die Menge zu; und in den
geistig fortgeschrittensten Provinzen der Republik, in Holland
ind Utrecht, erhob sich drohend das Gespenst des Schismas.

Wer sollte da nun vermitteln oder entscheiden? Da der
Calvinismus in den Niederlanden noch immer keine vollständige
Verfassung besaß, so fiel die Aufgabe zunächst der weltlichen
Obrigkeit zu, und das hieß den Provinzialstaaten, und, gemäß
der hauptsächlichsten Verbreitung der Arminianer, vornehmlich
den Staaten von Holland, sowie Oldenbarneveld, deren
damals herrschendem Haupte. Es versteht sich, wohin deren
Meinung ging. In seiner klaren Neigung zur dogmatischen
Indifferenz bestand Oldenbarneveld darauf, daß sich beide An—
sichten friedlich nebeneinander in denselben lokalen Institutionen
der calvinischen Kirche vertragen sollten; nur eine, möglichst
duldsame, Normalkirche sollte es geben; und seiner Ansicht waren
auch die in den Staaten zum Worte gelangenden Vroedschappen
des Landes.

Diese Meinung gefiel nun natürlich den Arminianern, und
so fanden sie sich, nachdem sie in verschiedenen Städten, wie

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI.