Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 55
liche Apologie des Christentums, wenn auch in remonstran⸗
tischem Sinne. Oldenbarneveld galt wohl als ungläubig, aber
gleichwohl hat er in seiner Verteidigungsschrift eine Erklärung
der Prädestinationslehre gegeben, die ihn nach heutigen Begriffen
als vollendeten Theologen zeigt. Prinz Moriz von Oranien
erklärte, wie wir sahen, angeblich wohl, er wisse nicht, von
welcher Farbe die Prädestination sei. Das hinderte ihn aber
nicht, auf dem Schlachtfelde von Nieuwpoort zu inbrünstigem
Gebete niederzuknieen, wie es unter. verwandten Verhältnissen
vor ihm Heinrich IV. von Navarra und nach ihm Gustav Adolf
getan haben.

Diese Welt war also keineswegs antichristlich, sondern nur
freichristlich; und das Dasein Gottes stand ihr zwar nicht als
Offenbarung des Glaubens, wohl aber als Tatsache der Ver—
aunft so fest wie irgend einem frommen Christen des 16. bis
18. Jahrhunderts.

So ist auch nicht daran zu denken, daß in den Nieder-
landen selbst in den höchsten Momenten ihres geistigen Auf—
schwunges bereits volle Gewissensfreiheit im modernen Sinne
geherrscht hätte. Eine solche Freiheit setzt die Überzeugung
boraus, daß Religion moderne Frömmigkeit und als solche eine
Herrscherin im Reiche eines freien, nicht mehr durch wohl—
umschriebene Wissensmassen gebundenen Gefühlslebens sei,
während das Wissen und seine Zusammenfassung, die theoretische
Lehre, der Wissenschaft vorbehalten bleibe. Diese Überzeugung
aber erwächst erst auf dem Boden des Subjektivismus. Bestand
daher keine moderne Gewissensfreiheit, so auch grundsätzlich keine
moderne Duldung.

Praktisch freilich war die Toleranz auf niederländischem
Boden weit entwickelt. Sie war in gewissem Sinne schon
Folge der Gleichzeitigkeit und der innigen Verschlingung der
volitischen und der religiösen Emanzipationskämpfe. Sie war
weiterhin wenigstens äußerlich notwendig in einem Lande, in
dessen Städten die verschiedenen Konfessionen nicht selten Haus
um Haus wechselten. Hat man doch gegen Ende der Republik
die Angehörigen der reformierten Staatskirche auf 1150000,