Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 61
Wo waren die alten Hausgemeinschaften des platten
Landes geblieben, in denen noch frei und unfrei gemeinsam
aufwuchs und auch die Erwachsenen der verschiedenen Stände
sich ihrer inneren Durchbildung nach wenig unterschieden?
Sogar schon die städtisch-zünftlerische Hausgemeinschaft mit
ihrer noch fast unumschränkten Gewalt des Vaters und Meisters
und ihrem Anhängsel von Handwerksgesinde war im Verfall
begriffen. Dagegen begann sich die reine Familie zu bilden,
die in der Verwertung ihrer Tätigkeit ebenso wie in der Be—
streitung ihrer Konsumtion auf den öffentlichen Markt an—
gewiesen ist: weg fielen alle hausgemeinschaftlichen Verhältnisse
innerhalb des weiteren Familienverbandes; verloren ging die
alte Strenge der väterlichen Herrschaft; bloß moralische
Autorität, ja, in gewissem Sinne nur Vertragsverhältnisse be—
gannen an ihre Stelle zu treten. Zwar war der Gang dieser
Entwicklung langsam, und vielfach trat seinem durchaus ge—
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entgegen; darum waren auch von Dritten gestiftete Konventions-,
nicht Liebesheiraten das gewöhnliche: und wie heute Heiraten
oft genug Assoziationen von Kapital sind, so waren sie es in
hbürgerlichen Kreisen damals erst recht, nicht anders, wie fürst—
liche Heiraten häufig nur als Assoziationen von Land und
Leuten gelten konnten.

Damit stand denn der sittliche Wert der Ehe gewiß häufig
noch tief. Aber da, wo feineres sittliches Gefuhl vorhanden
war, empfand man ihn doch entschieden als wachsend; vor
allem die Meinung und die frohe Zuversicht der Reformatoren
ist das gewesen. Niemandes mehr als Luthers. Gewiß beruht
auch ihm noch die Ehe vor allem auf sinnlich-körperlichen An—
ziehungskräften, aber sie erscheint ihm doch göttlichen Rechts,
von oben geweiht und unter allen Umständen untrennbar.
Und er vertritt diesen Grundsatz, den die Kirche des Mittel—
alters, um ihn unumstößlich zu machen, durch eine sakramentale
Formulierung gesichert hatte, aus freier sittlicher Erwägung,
und darum schließt ihm das Verlöbnis die Ehe und nicht erst
die copula carnalis. Aber diese Auffassung höherer Art, die