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Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
wohl studieren lassen, könnten es aber nicht, weil die Zinsen
ihrer ausgeliehenen Kapitalien ausblieben. Im Charakter
seiner Ideale aber setzte sich dies Bürgertum den großen
Bildungsidealen der Vergangenheit schließlich stark entgegen.
Denn wenn es auch keineswegs religionsfeindlich war, so er—
strebte es doch noch weniger eine ausschließlich geistliche Kultur
im Sinne der universalkirchlichen Bildung des mittelalterlichen
Klerus, jener merkwürdigen, auf Grund überaus früher und über⸗
aus starker Rezeptionen vollzogenen besonderen Standesbildung
des Mittelalters; es ist dafür bezeichnend, daß seit dem 14. Jahr—
hundert an Stelle der alten geistlichen Städte Mainz, Worms,
Speier, Köln speziell bürgerliche Städte, wie Nürnberg, Ulm,
Frankfurt, Lübeck, besonders aufgeblüht waren. Und wenn
dasselbe Bürgertum auch der ästhetischen Seite des Lebens
nicht fernstand, ja, in den bildenden Künsten schon seit dem
14. und 15. Jahrhundert Zeiten hoher Blüte erlebt hat, so
hat es sich doch niemals zu den rein künstlerischen Bildungs—
idealen der ritterlichen Zeiten des 12. und 13. Jahrhunderts
bekannt, sondern, schon aus seinem Berufe des Rechnens
heraus, im ganzen mehr verstandesmäßiger Durchbildung ge—
huldigt. Von hier aus gewann es Fühlung mit dem Humanis—
mus, der auch in diesem Zusammenhange zur Gelehrsamkeit
werden mußte, und von hieraus entwickelte es auch die geistige
Grundlage für die Entfaltung der Naturwissenschaften. Denn
die großen Erfolge der Mechanik des 17. Jahrhunderts, neben
der Entwicklung der Mathematik zur Analysis die wesentliche
Voraussetzung für das spätere Aufblühen der Physik und
Chemie, wären unmöglich gewesen ohne eine lang vorher—
gehende konstruktiv-gewerkliche Tätigkeit und eine dieser ent—
fließende mechanistische Anschauungskraft der bürgerlichen Kreise.
Mit Recht bemerkt Goethe einmal in dem geschichtlichen Teile
seiner Arbeiten zur Farbenlehre, jener Fundgrube feinster Be—
obachtungen zur Geschichte der Naturwissenschaften“, in diesem
Zusammenhang: „Die Kultur des Wissens durch inneren Trieb

Werke (Weim. Ausg.) II 3, 180 f.