Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18 Jahrhundert. 67
gelehrter Berufsarten schon das wichtigste Ergebnis gesichert,
das sich an die Entwicklung rein geistig tätiger Stände knüpfen
konnte: es war gesorgt für eine zweckmäßige und genaue Formu—
lierung, sowie eine niemals abbrechende Überlieferung einmal
gewonnenen Wissens, und es waren für die Erweiterung des
Erkenntnisstandes feste Garantien geschaffen. Es war ein erster
ganz entschiedener Schritt zum Siege der geistigen Arbeit über
die materielle und damit zur planmäßigeren Ausgestaltung höheren
menschlichen Daseins überhaupt. Denn während die materielle
Arbeit nicht von uns allein abhängig ist, sondern den wechselnden
Einwirkungen von außen an uns herantretender Verhältnisse
unterliegt, sind wir in unserem geistigen Tun viel grundsätzlicher
und innerlicher auf uns selbst gestellt und in ganz anderem
Sinne als jeder Handarbeiter Herren unserer Geschicke.

So geht gelehrte Berufsbildung mit stärkerer Entwicklung
der Individualität zusammen; hin und her schießen die Schifflein;
und schwer wird in jedem konkreten Falle das System ver—
worrener Wechselwirkungen auf einfachste Vorgänge zu reduzieren
sein. So viel aber ist klar, daß diese Berufsbildung und alle
in ihr sich zusammenfassenden Tendenzen auf die gebundenen
Lebensformen der mittelalterlichen Genossens chaften untergrabend
wirken mußten. Am einfachsten sind die damit einsetzenden
Vorgänge an den Universitäten zu beobachten: die Scholaren der
mittelalterlichen Bursen werden hier allmählich zu freien
Studenten, die nur teilweise noch in Konvikten zusammenwohnen
oder sonst Formen gemeinschaftlichen Verkehrs finden; ein Leben
oft mehr als willkürlicher Freiheit beginnt, bis die rohen
Studentenbräuche des 16. —18. Jahrhunderts durch die größere
Selbstzucht des modernen Menschen auch schon in den jugend—
lichen Jahren akademischer Studien abgelöst werden.

Aber nicht bloß auf dem Gebiete geistiger Tätigkeit wich die
gebundene mittelalterliche Genossenschaft freieren Lebensformen;
auch sonst war das der Fall; es handelt sich um eine ganz all⸗
gemeine Erscheinung des 16. und 17. Jahrhunderts, wie denn
die Entstehung der gelehrten Berufsarten ja nur ein Exponent
gleichsam war der allgemeinen individualistischen Verschiebung