70 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Tasche zu ziehen. Inzwischen war fast alles, was auf diese
Zeit lebendig zurückwies, verschwunden. Vor allem galt das
von den Reminiszenzen an eine frühere naturalwirtschaftliche
Zeit: schon das 17. Jahrhundert sah das Landvolk im all—
gemeinen völlig frei von Diensten, und die Kirmeßbilder der
Maler zeigen es in frohem, wenn auch gesellschaftlich unter—
würfigem Verkehr mit dem Adel. Der Adel selbst aber hatte
gegenuüͤber dem Bürgertum fast jede besondere soziale Stellung
verloren; höchstens daß diesem ein ausländischer Ritterschlag
noch mehr galt, als einheimische Ehren, wie denn der gesellige
Verkehr noch teilweis den Regeln der älteren, monarchisch-
adligen Zeit unterworfen war.

Im übrigen aber hatte, etwa gegen Ende des dritten
Viertels des 17. Jahrhunderts, die hohe bürgerliche Gesell—
schaft schon zwei Perioden der Entwicklung durchlaufen und
war stark in der Entwicklung einer dritten begriffen. Die
Generation der Jahre etwa 1580— 1620 war die der alten
Aristokraten gewesen, die in den Kämpfen gegen die Spanier
groß geworden waren: eine noch etwas geusenhaft urwüchsige,
derbe, dabei anspruchslose, schlichte, fröhliche Gesellschaft, die
in naivem Stolz auf die Zeit der Befreiung dahinlebte. Ihr
war dann eine andere Generation gefolgt, die rüstig auf dem
Wege der Errungenschaften der Väter fortgeschritten war, weit—
sichtig, tatkräftig und rasch im Handeln, dabei fein gebildet
und mit der echt niederländischen Eigenschaft des Scharfsinnes
hohen künstlerischen Geschmack verbindend. Aber in den
fiebenziger Jahren des 17. Jahrhunderts begann sie zurück⸗—
zutreten. Und ihr folgte eine Generation des Verfalls.

Einzelne Erscheinungen, die zum Verfalle führen mußten,
kündigten sich freilich schon in den Zeiten der zweiten Generation
an. Der Reichtum nahm bereits seit Anfang des 17. Jahr⸗
hunderts in einer Weise zu, die mit beinah unfehlbarer Sicher—
heit zum Ruin der altväterlichen sittlichen Anschauungen führen
mußte. Schon damals hatte man viele Millionäre im Lande;
Isaak Le Maire konnie bereits auf seiner Grabschrift von sich
sagen, daß er anderthalb Millionen Gulden verloren habe.