Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 73
allein nicht geeignet ist, das feste Band eines einheitlich ge—
ordneten Staatswesens zu ersetzen, wurde es auch noch in
jeder Hinsicht einseitig zur Geltung gebracht. Vom Turm des
Utrechter Domes kann man bei klarem Wetter den Turm der
Neuen Kirche in Amsterdam erkennen: so nahe liegen die alten
Niederlande des Ostens, die noch immer wesentlich agrarische
und auch binnenländische Interessen hatten, und die neuen
Niederlande des Westens, die Lande des Handels, beieinander.
Von ihnen mußten nun die Ostlande ganz ins Schlepptau der
Westlande geraten, wenn man nur auf die Vorteile des
Handels sah. Und die Entwicklung gipfelte sich sogar noch
mehr hin auf den alleinigen Einfluß Hollands, ja fast nur
Amsterdams; nicht ohne inneren geschichtlichen Grund bezeichnen
wir noch heute das Königreich der Niederlande kurzweg als
Holland. Die Provinz Holland hat seit etwa 1650 fast un—
bestritten die Geschicke der Republik geführt, und Amsterdam
wieder gab in ihr den Ausschlag. Mochten die Generalstaaten
beschließen, was sie wollten: wie wollte man zur Ausführung
gelangen, wenn Amsterdam kein Geld gab? Und Amsterdam
hat in kritischen Momenten den Gehorsam verweigert, ja sogar
selbständig mit äußeren Feinden verhandelt! Traten aber die
Handelsinteressen so durchaus in den Vordergrund, so mußte
auch die soziale Lage, das Verhältnis zwischen dem reichen
und dem ärmeren Bürgertum, zwischen Freigeisterei und
Orthodorxie, zwischen dem bürgerlich-aristokratisch-zentralistischen
Regiment und dem oranisch-partikularistischen Statthaltertum,
das sich des Ganzen und damit der Masse annahm, immer ge—
spannter werden: zu den politischen Gegensätzen kamen soziale
und geistige.

Unter diesen Umständen besaß die Republik nur noch ge—
ringe Mittel, äußeren Feinden entgegenzutreten, wohl aber um
so mehr Stellen von konzentrierter Wichtigkeit, ja fast nur eine
einzige Stelle der Art, den Handel und Amsterdam, die ein
energischer Gegner angreifen konnte, um das Ganze in Gefahr
zu bringen. Und schon fand sich eine reiche Anzahl solcher
Gegner ein, insbesondere konnte man seit Mitte des 17. Jahr⸗