Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 75
hängende Heer. Unter den Wehen des ersten englischen
Krieges brach dann die Unzufriedenheit dieser Schichten zu
heller Flamme aus; Aufstände erhoben sich in Dordrecht, im
Haag, in Enkhuizen und sonst; die herrschende Partei schlug
sie ebenso nieder, wie nach dem Friedensschluß mit England
einen Bauernaufstand in Walcheren und Unruhen in Overijssel
und Groningen. Aber damit waren natürlich die tieferen Ur—
sachen der popularen Bewegung nicht beseitigt. Und die
herrschende Partei dachte auch gar nicht daran, in dieser
Richtung vorzugehen. Vor allem nach der Erledigung des
zweiten englischen Krieges fühlte sie sich auch ohne Reformen
sicher; sie stärkte sich nach außen hin durch Bündnisse und führte
endlich einen Hauptschlag gegen die oranische Partei, indem sie
die Statthalterwürde von Holland abschaffte und die Funktionen
des Statthalters für immer von denen des Generalkapitäns
und Generaladmirals trennte.

Aber eben in diesem Moment, der die Handelsaristokratie
an das Ziel ihrer Wünsche zu bringen schien, nahte die Kata—
ttrophe.
Frankreich, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in
die letzten Phasen des Dreißigjährigen Kriegs verwickelt, war
den Niederlanden günstig gesinnt gewesen; im Westfälischen
Frieden hat es ihnen die Gewähr ihres Besitzes in Europa und im
malaiischen Archipel vermitteln helfen. Aber seitdem hatten
sich die Zeiten geändert. Frankreich hatte nach Mazarins Tode
unter Colbert (seit 1661) seine wirtschaftlichen Kräfte zu ent—
wickeln begonnen. Was das mit Rücksicht auf die Niederlande
dedeutete, hat Colbert einmal selbst in einem Schreiben an den
französischen Gesandten im Haag deutlich auseinandergesetzt.
„Der Seehandel wird in Europa durch ungefähr 25000 Schiffe
betrieben, und von Rechts wegen müßte hieran jedes Land
einen seiner Machtstellung, Bevölkerungszahl und Küstenlänge
entsprechenden Anteil haben. Von jenen 25000 gehören jedoch
14-15 000 den Holländern und höchstens 525600 Frankreich.
Der König wünscht unter Anwendung aller erlaubten Mittel,
der Ziffer näherzukommen, auf die seine Untertanen ein An—