Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 77
zu einer Seemacht nur noch zweiten Ranges. An ihre Stelle
begann England zu treten; und als der Oranier Wilhelm II.
1689 den englischen Thron bestieg, geriet sie vorübergehend
schon einmal ganz in das Schlepptau der neuen Beherrscherin
der Meere, nach dem Vergleich Friedrichs des Großen ein kleines
Boot nur noch neben dem stolzen Linienschiff.

Freilich wurde um diese Zeit etwa der erste lehrreiche Ver⸗
such gemacht, den einseitig kommerziellen Charakter des Landes,
einen der Grundfehler der Lage, durch Entwicklung einer ein⸗
geimischen Großindustrie zu beseitigen.

Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts und länger hatte
man in den Niederlanden absichtlich die alte Handwerks—
berfassung erhalten; in Leiden, dem großen Platze des Tuch⸗
gewerbes, arbeiteten die Färber damals noch nach einem
Reglement von 1588, und in Amsterdam fiel erst 1657 das
Verbot, wonach ein Leineweber nicht mehr als drei Stühle in
Bang haben durfte. Und das, obwohl seit mindestens Anfang
des 17. Jahrhunderts alle Voraussetzungen einer Großindustrie
vorhanden waren: Ansammlung starker Kapitalien in wenigen
dänden, Unternehmergeist, Welthandelsmacht und eine Klasse
angelernter Lohnarbeiter! Alles, was von großer Manufaktur
borhanden war, waren trotzdem bis dahin nur wenige Etablisse⸗
nents fremder Unternehmer gewesen, die man von den An⸗
forderungen der heimischen Gesetzgebung entbunden hatte.

Da begann, mit den Retorsionen gegen Frankreich, die zu⸗
gleich einen starken Schutz gewisser Industrien des Inlandes
hedeuteten, der Gedanke größerer Unternehmungen zum ersten
Male ernsthaft aufzutauchen. Und währenddes brach, mit
der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685), der Strom
oieler Tausende von hugenottischen Flüchtlingen ins Land. Sie
zaben für die neue Wendung den Ausschlag. Meist nicht
kapitalarm, zudem erfüllt von dem durch Colbert entfesselten
Unternehmungsgeist und in der neuen Heimat mit mannig⸗

fachen Privilegien versehen, begannen sie eine Anzahl von
Industrien zu unerhörter Blüte zu entwickeln: die Fabrikation
hon Seiden- und Halbseidenstoffen, von Müllergaze, von