Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 81
ständlich, sondern selbstverständlich sehen!. Darum ist schon
weit vor aller unmittelbar beglaubigten Geschichte für unsere
Nation die Vergleichung die gewöhnlichste Art der Weiter—
bildung von Begriffen gewesen. Althochdeutsch „gilibk“ ist
ein urgermanisches Wort von einem bei allen Stämmen gleichen
Sinne; zusammengesetzt aus ga und subst. lika, Körper (vgl.
Leiche“), bedeutet es: „einen übereinstimmenden Körper habend“.
Bedenkt man, daß dies Wort in der für tausend adiektivische
Bildungen immer wiederkehrenden Endung -lich steckt, daß weib⸗
lich z. B. ursprünglich „eines Weibes Körper habend“ bedeutet,
so erfieht man schon aus diesem einen Beispiel, was die Ver—
gleichung in jener fernsten Zeit für die Begriffsbildung be—
deutete, und erfährt zugleich, daß sie der Regel nach vom
Sinnlichen, Sichtbaren ausging.

In den ältesten Zeiten, die unserer Auffassung noch durch
unmittelbare Überlieferung zugänglich sind, war man freilich
aus dieser Art des Gebrauchs der Analogie schon längst heraus—
getreten. Jetzt wurde die Analogie auch schon bewußt an—
gewandt, und in dieser bewußten Form war sie, wenn z. B.
die Schiffe als Hengste der Wogen, die Pfeile als Luftvögel
bezeichnet wurden, Grundlage dichterischen Empfindens und
feierlicher Rede, wie, zumal in der Form des Rätsels, geist—
reicher Unterhaltung; ja, auf ihr beruhte schließlich die ganze
intellektuelle Seite jener Symbolik fast aller Lebensäußerungen,
die wir als verhallenden Zug einer großenteils noch vorgeschicht⸗
lichen Kultur in unserer ältesten schriftlichen Überlieferung
wahrnehmen.

Denn auch über diese Stufe war die Entwicklung der ge—
schichtlich beglaubigten Urzeit schon längst hinausgelangt; der
eigentliche Analogieschluß war aufgetreten: jener Schluß, der
aus einer teilweisen Ähnlichkeit zweier verglichener Dinge deren
innere Zusammengehörigkeit, deren Identität oder analoge Eigen—

Der Abschnitt von diesem Satze ab und der folgende Abschnitt
sind schon gedruckt in den Annalen der Naturphilosophie, herausg. von
W. Ostwald, Bd. J S. 438 469.

Lamprecht, Deutiche Geschichte. VI.