Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 83
Ein deutscher Bischof des 10. Jahrhunderts, ein alter
Mann, zieht sich, von asketischen Neigungen getrieben, eines
Abends in bloßem härnenem Gewande und barfuß in seine
Kathedrale zurück und bringt die Nacht auf deren kaltem Fuß⸗
boden schlafend zu. Bald darauf stirbt er. Wir würden ge—
neigt sein, Erkältung mit tödlichem Ausgang anzunehmen. Die
geigenossen des Bischofs schließen, wie uns in diesem Falle
direkte Überlieferung bezeugt, ganz anders: der Bischof habe
das Heiligtum barfuß betreten im Sinne des Wortes des Herrn
an Mose vor dem brennenden Dornbusch: „Ziehe deine Schuhe
aus, denn dieser Ort ist heilig,“ und er habe sich als Prophet
erwiesen, indem er damit andeuten wollte, daß er bald zur
Herrlichkeit des Herrn eingehen werde.

Worauf beruht nun, an dieser Geschichte gemessen, der
Unterschied des modernen und des mittelalterlichen Denkens?
Eine einseitige Analogie mit dem Inhalte einer Bibelstelle des
Alten Teftaments, die Identität der Barfüßigkeit des Bis chofs und
Moses, veranlaßt das Mittelalter auf Grund sehr geringer
Erfahrung zur Gleichsetzung der gesamten Vorgänge und damit
zur Annahme einer Prophezeiung, d. h. eines Wunders; wir
nehmen auf Grund eines aus allgemeinerer Erfahrung ab⸗
geleiteten Kausalitätsbewußtseins den natürlichen Vorgang einer
Erkältung an.

Der Wunderglaube beruht ganz allgemein auf Analogie—
schlüssen, die auf zu geringes Beobachtungsmaterial gestützt sind,
also Mangel an Erfahrung voraussetzen; die Folge davon sind
Ideenassoziationen, welche den Kausalzusammenhang zwar nicht
ausschließen müssen, wohl aber können, zumal wenn Affektionen
des Gemüts und der Stimmung den Prozeß des Schließens
begleiten. Darum steht in Zeitaltern des Analogieschlusses eine
kleine Welt kausaler Zusammenhänge, das Produkt einer immer⸗
hin schon vorhandenen unbewußten Induktion und stetig sich
mehrenden Erfahrung, neben einer Welt der Wunder, so daß
diese Welt der Wunder, als die noch immer umfassendere, den
Kausalzusammenhang in jedem Augenblick und an jeder Stelle
zu durchbrechen befähigt bleibt.