34

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Mangel an Erfahrung, Enge empirischer Anschauung ist
im Grunde auch die Ursache des Autoritätsglaubens. Eine
Zeit mit wenig gesichteter Erfahrung nimmt die Erfahrung
anderer, höher organisierter Zeiten und Geister mit ehrfurchts⸗
vollem Danke auf und unterwirft sich ihr, da sie, eben infolge
mangelnder Erfahrung, keine Mittel besitzt, sie zu sichten, zu
kritisieren und zu beherrschen.

Mythologische Anschauung, Wunderglaube und Autoritäts⸗
glaube sind also Sprossen derselben Wurzel, des Denkens im
Analogieschluß. Indem sie aber zusammenschießen, ermöglichen
sie auch einer anderen Weltanschauung als nur der natürlichen
Mythologie das Dasein. Bleibt das Bedürfnis bestehen, die
Welt der Erscheinungen durch hinter ihnen wirkende Kräfte
erklärt zu sehen, so kann es jetzt auch durch einen historischen
Offenbarungsglauben befriedigt werden, wie er auf wunderbaren
Tatsachen beruht, die mit der Autorität einer großen Tradition
geschichtlich feststehender Ereignisse von Geschlecht zu Geschlecht
uͤberliefert werden. Das war der Fall im Mittelalter; unter
dieser Verknüpfung geistiger Erscheinungen ist den Deutschen
das Christentum nahegetreten.

Und diese Verknüpfung ist noch heute keineswegs völlig
berschwunden, wenn sie auch stark durchbrochen und vielfach
gelöst ist. Bis zum Ausgang des Mittelalters aber dauerte sie
m allgemeinen unberührt fort, und frühestens das 16. Jahr—
hundert hat mit energischeren Angriffen auf sie begonnen. Die
Geschichte dieser Angriffe ist bis zu gewissem Grade und in
gewissem Sinne die Geschichte der modernen Wissenschaft.

Am frühesten fiel da im ganzen wohl der Autoritätsglaube:
er ließ sich gegenüber der unendlichen Erweiterung der Er⸗
fahrung seit dem Zeitalter der Entdeckungen und gegenüber
der Umformung des Humanismus zu einer philologischen
Wissenschaft mit ersten Spuren wirklich geschichtlicher An—⸗
schauung nicht mehr völlig halten, wenn er auch in feineren
Schattierungen noch weit mehr, als man zunächst glauben
möchte, bis in die Gegenwart hineinragt. Die Geschichte seiner
allmählichen Abnahme ist nicht leicht zu schreiben, ganz be—