Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 85
sonders macht sich hier die allgemeine Schwierigkeit geltend,
daß der historischen Kunst bisher noch die Mittel klarer und
eingehender Darstellung stetiger, aber langsamer geschichtlicher
Bewegung fehlen, jene Mittel, welche eine volle Entfaltung der
Kulturgeschichte erst ermöglichen werden, wie auf dem Gebiete
der Mechanik die Statik erst dann durch die Dynamik mit
vollem Erfolge abgelöst worden ist, als in Analysis (das Wort
im Sinne des 17. Jahrhunderts genommen) und Differential⸗
rechnung die mathematischen Mittel zur allgemeinen und ein⸗
heitlichen Darstellung aller Momente stetiger Bewegung ge—
funden worden waren. So viel aber lüßt sich doch schon jetzt
sagen, daß noch im ganzen 16. Jahrhundert und darüber hinaus
selbst die Wissenschaften der Hauptsache nach noch vom Autoritäts-
glauben beherrscht waren. Vor allem die Geisteswissenschaften.
Wie zäh sich hier noch die Autorität namentlich des klassischen
Altertums und der Bibel hielt, ersieht man nirgends besser
als in den besonders auf die Praxis des jeweils gegenwärtigen
Lebens angewiesenen Disziplinen der Volkswirtschaft. Da sind
die Lehrbücher der Landwirtschaft im 16. Jahrhundert noch
durchaus von den Alten abhängig; ein Kompendium des Acker⸗
baues und der Viehzucht auf Grund eigener Erfahrungen hat
erst Kurfürst August von Sachsen ums Jahr 1580 verfassen
lassen. Aber noch der Nationalökonom Kaspar Klock (J1655)
redet in dem Gartenkapitel seines Buches De acrario wohl
von Salomons und Alkinoos' Gärten und von der Bedeutung
der sittlichen Eindrücke, die uns die Analogie der Blumen
mit unserer eigenen Vergänglichkeit bietet, — von wirtschaft⸗
lichen Erfahrungen der eigenen Zeit dagegen spricht er nicht.
Am längsten erhalten hat sich dieser bloße Autoritätsglaube
aber, soweit er sich nicht in den humanistischen Wissenschaften
zur Begeisterung für die Antike verflüchtigte, wohl in der
Jurisprudenz. Hier ist noch das 18. Jahrhundert ganz davon
uͤberzeugt gewesen, im römischen Recht die ratio seripta zu
besitzen, und nicht so sehr viel früher konnte Bynkershoek noch
das Wort aussprechen: absque iurs Romano sordet omne
ius patrium.