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Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Die merkwürdigsten Schicksale indes hat vielleicht doch der
alte Wunderglaube in Verbindung mit den allgemeinen pan—
dynamistischen Vorstellungen mythologischen Charakters gehabt.
Bei ungestörter Entwickl ung hätte aus ihnen, wie ähnlich bei
den Griechen, wohl eine Naturphilosophie als Vorstufe reinerer
naturwissenschaftlicher Beobachtungen hervorgehen können. Aber
hierzu kam es im deutschen Mittelalter nicht. Der christliche
Offenbarungsglaube fuhr über die alten mythologischen Vor—
stellungen dahin, und seine Stellung zur Natur verhinderte die
Ausbildung eines mythologischen Pandynamismus auch nur zu
den ersten stammelnden Versuchen, das Weltganze von einem
Prinzipe her zu erklären. Während aber so alle Richtungen
auf die Ausbildung einer selbständigen Naturphilosophie fast
im Keime erstickt wurden, verbreitete sich, je weniger der
Offenbarungsglaube auf die Dauer einzige und absolute Autorität
des Denkens blieb, um so mehr von unten her die Fäulnis des
unterdrückten alten mythologischen Pandynamismus. Und
wunderlich durch Zufuhr fremder pandynamistischer Vor—
stellungen verstärkt und umgebildet, traten sie gegen Schluß des
Mittelalters und im 16. Jahrhundert, ja über diese Zeiten
hinaus zutage.

Von Süden her bemächtigten sich dieser in Deutschland
weitverbreiteten geistigen Disposition Alchimie und Astrologie,
einstmals arabische Künste, die sich dann, wenigstens was die
Astrologie angeht, in Italien schon im 14. Jahrhundert ziemlich
allgemein verbreitet hatten. Suchte die eine aus dem Zusammen—
wirken der Kräfte der Gestirne auf den Charakter der Geburts-
stunde Anlagen und Schicksale des Neugeborenen zu ermitteln,
so ging die andere darauf aus, vermöge richtiger Komposition
der einfachen konstituierenden Qualitäten die Materie dazu zu
bestimmen, Gold zu werden. Irdische Macht und irdischer
Reichtum waren also die Ziele der beiden falschen Wissenschaften;
kein Wunder daher, daß sie, auf Grund noch immer fort—
dauernder Wirksamkeit der alten pandynamistischen Anschauungen,
raschen Eingang fanden. Im 15. Jahrhundert ist Johannes
Stoffler (1152-1531, seit 1511 Professor an der Universität