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Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
germanische Glaube an höhere, wohltuende, den Frauen inne⸗
wohnende Kräfte in sein furchtbares Gegenteil verkehrt. Man
weiß, was diese geistige Epidemie für das 16. und 17. Jahr⸗
hundert bedeutet hat. Und erst das 17. Jahrhundert brachte
bie Anfänge der Erlösung. In den Bildern der niederländischen
Maler aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigt sich
der Hexenwahn doch schon so weit überwunden, daß man ihm,
namentlich in dem Motiv der Hexenküche, nicht selten eine
humoristische Seite abgewinnt; gleichzeitig wirkte, nach einigen
Vorläufern, wie dem niederländifchen Arzte Weyer, der fromme
Jesuit Spee praktisch gegen das Unheil. Allein völlig aus—
gerottet werden konnte es nur durch Zerstörung mindestens
aniger besonders wichtiger Gedankenzusammenhänge des alten
Pandynamismus, und das war nicht so leicht. Vor allem kam
es darauf an, nachzuweisen, daß psychische Fernwirkungen
materiellen Charakters unmöglich seien. Wie aber war das
möglich zu einer Zeit, in der alle Welt noch an geheimnisvoll
wirkende Kräfte, an Gespenster glaubte? Denn nicht bloß ein
Luther und ein Melanchthon sowie die Geisteshelden und
die Fürsten des 16. Jahrhunderts überhaupt haben wohl ohne
Ausnahme an Gespenster geglaubt, — auch noch im 18. Jahr⸗
hundert sind Männer wie Walch und Wolff, Crusius und
Baumgarten öffentlich für ihre Wirklichkeit eingetreten, und
selbst ein Lessing hat über die Gespensterfeinde noch den Stab
gebrochen. In dieser verzwickten Lage fand zuerst der nieder⸗
sändische reformierte Pfarrer Balthasar Bekker in seiner
Betooverden Wereld“ (1691 - 98) den Anfang eines Aus⸗
wegs. Er bewies seiner Ansicht nach schlagend, daß die bösen
Geister zwar existierten, genau so wie die guten, daß sie aber
aur noch in der Hölle zu suchen seien; denn alle Geister müßten
ein von dieser Welt völlig abgeschiedenes Leben führen. Nun
wurde allerdings Bekker auf Grund seines Buches des Über⸗
muls beschuldigt und seines Amtes entsetzt. Und noch 1766
bis 1776 hat in Bayern ein großer „Hexenkrieg“ stattgefunden,
aoch 1782 hat man in Glarus eine Hexe verbrannt, und noch
1819 sind in Hinterpommern ernsthafte Ermittlungen darüber