Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 89
angestellt worden, ob eine bestimmte Person hexen könne.
Aber im ganzen war doch das Erscheinen von Bekkers Buch
bereits ein Beweis dafür, daß die Macht des Hexenglaubens
gebrochen war; und im 18. Jahrhundert ist er dann langsam
der Aufklärung, d. h. dem Ergebnis einer ganz anderen,
modernen Art des Denkens, gewichen.

Denn inzwischen war der Analogieschluß in der weiten
Geltung, die er im Mittelalter besessen hatte, veraltet. Zwar
ist aus der mit ihm verknüpften Denkweise gerade am Schlusse
des Mittelalters, zu einer Zeit, da die Macht des Offenbarungs⸗
glaubens in seiner hergebrachten Form erschüttert schien, noch ein⸗
mal, ein letzter Reflex gleichsam uralten Denkens, in den pandyna⸗
mistischen Philosophemen des 16. Jahrhunderts eine volle, vom
Chriftentum ziemlich unabhängige Weltanschauung hervorgegangen,
und diese Weltanschauung, wie sie in dem System Jakob Boehmes
am vollendetsten vorlag und auch bei Spinoza noch nachwirkt,
hat später die Identitätsphilosophie vor allem Schellings nicht
uͤnbedeutend beeinflußt, so daß in ihr Altestes und Neuestes
verknüpft erscheinen; es wird davon später noch eingehend die
Rede sein. Und auch die großen geistigen Anfangserscheinungen
der neuen Zeit, Humanismus und Reformation, sind noch stark
pandynamistisch durchsetzt gewesen: dem Humanismus war das
Naturgeschehen noch ein Spiel verborgener geistiger Kräfte,
weshalb er Plato und dem Neuplatonismus huldigte; und
wenigstens die lutherische Reformation noch verknüpfte das
Unsichtbare, in das sie das Verhältnis des Menschen zu Gott
verlegte, mit dem menschlich Sichtbaren materiell durch die
Kraft noch immer zahlreicher Sakramente. Allein trotzdem,

daß das alte Denken, in seinen charakteristischen Formen noch
einmal systematisiert, auf diese Weise große Gebiete der geistigen
Welt des 16. Jahrhunderts, ja teilweis noch des 17. Jahr⸗
hunderts beherrscht hat, war es doch im Verfall begriffen; nur
der noch stärkere Ruin des Offenbarungsglaubens in seiner alten
Form hat ihm für eine Zeitlang gleichsam kulturgeschichtliche
Oberfläche verschafft; charakteristisch dagegen für das individua⸗
listische Zeitalter des 16.— 18. Jahrhunderts war er nicht mehr.