90

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
2. Vico sagt einmal in seinen „Grundzügen einer neuen
Wissenschaft“*: „Die Ordnung der menschlichen Ideen ist, auf
die ähnlichen Dinge aufmerksam zu sein, zunächst um sie deut⸗
lich zu machen, sodann um zu beweisen, und zwar zunächst
durch das Beispiel, das sich mit einem einzigen ähnlichen
Gegenstande begnügt, zuletzt durch die Induktion, die deren
mehrere bedarf.“

Das erste neue Mittel des Denkens im individualistischen
Zeitalter war die Induktion. Ein Induktionsschluß ist freilich
nichts grundsätzlich, sondern nur etwas graduell vom Analogie—
schluß Verschiedenes. Die Induktion ist ein vervollkommneter
Analogieschluß insofern, als sie einer möglichst großen Anzahl
voraufgegangener Wiederholungen einer bestimmten Assoziation
von Vorstellungen die Folgerung entnimmt, daß diese Assoziation
auch künftig eintreten werde. Die Verbindung aufeinander
folgender Vorstellungen durch den Begriff der Ursache und
Wirkung hat also bei ihr vor dem Analogieschluß den Vor⸗
zug, daß sie auf größerer Erfahrung und darum auf der An⸗
nahme beruht, daß diese Aufeinanderfolge regelmäßig, ja aus⸗
nahmslos eintrete oder eintreten werde.

Ist der Induktionsschluß vom Analogieschluß nur grad⸗
mäßig verschieden, so braucht kaum bemerkt zu werden, daß die
Induktion natürlich auch im Mittelalter schon praktisch geübt
wurde. Allein das Charakteristische ist, daß ihr nur eine kleine
Welt wirklich intensiver Erfahrung unterworfen wurde und
unterworfen werden konnte, und zwar wesentlich die der all⸗
täglichen praktischen Erfahrung; für die höheren Gebiete ver⸗
sagte sie. Darum war der Analogieschluß im wissenschaftlichen

Denken ganz gewöhnlich und viel häufiger als der der Induktion.
Nun hat freilich dieser Schluß auch auf diesem Gebiete mit
dem 16. Jahrhundert keineswegs etwa plötzlich aufgehört.
Nein, man begegnet ihm auch noch als einem sehr wesentlichen
Moment der Philosophie des Descartes und Spinozas, und
noch weit über beide hinaus bis zur Gegenwart spielt er seine

Deutsch von Weber. S. 267.