Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 91
Rolle. Es handelt sich hier, wie bei allen kulturgeschichtlichen
Zusammenhängen, um relative, graduelle Unterschiede. So be⸗
trachtet, war aber doch nach Ausgang des Mittelalters ein
großer Fortschritt eingetreten. Das Wesen der Induktion, ihre
Vorteile gegenüber dem Analogieschluß wurden erst in dem
neuen Zeitalter erkannt und anerkannt; und vollendeteres Werk⸗
zeug wissenschaftlichen Denkens wurde der induktive Schluß erst
im 17. Jahrhundert.

Neben ihn aber trat zugleich noch ein anderes Werkzeug
neuen Denkens: die Abstraktion.

Betrachtet man die Bedingungen der Induktion genauer,
so wird man sie nicht bloß in einem erweiterten Erfahrungs⸗
kreis, in einer quantitativen Zunahme der Erfahrung finden,
sondern zugleich in einer qualitativen Veränderung dieser.
Man mußte jetzt feiner und eingehender beobachten, wollte man
wirklich verhältnismäßig identische Vorgänge von solchen unter⸗
scheiden, die nur einige gemeinsame Momente aufwiesen; die
letzteren genügten für einen Analogieschluß, aber nur die ersteren
ergaben eine sichere Induktion. So sah man nicht bloß ins
Weite, man lernte auch im einzelnen sehen, man begann zu
isolieren und zu abstrahieren; man zerlegte eine Erscheinung in
ihre Teilerscheinungen und glaubte sie erst nach diesem Prozesse
wirklich zu verstehen.

Es geschah dies anfangs noch bescheiden genug und sehr
ins ungefähre: allerlei neue Erfahrungen wurden gesammelt,
aber sie überstiegen nicht den Charakter des Interessanten und
Kuriosen. So sammelten aus solcher nach modernen Begriffen
halbwissenschaftlichen Vorliebe heraus die Fürsten des 16. Jahr⸗
hunderts wohl Geweihe und Bilder seltener Tiere und hielten
daneben wohl auch Tiergärten mit Auerochsen, Bären, Elen⸗
tieren; und ihre Schlösser füllten sich mit Astrolabien,
Quadranten, Globen, Kompassen: die Kuriositätenkabinette er⸗
standen.

Aber bald trat doch die intensivere Betrachtung in der
Form der isolierenden Abstraktion in ihre wissenschaftliche
Phase. Durch die Zerlegung der Erscheinungen in ihre Teil⸗