Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 93
Es waren Aufgaben, die sich in den Geisteswissenschaften
nur sehr schwer lösen ließen. Denn noch reichte hier die Er—
fahrung nicht so weit, um in den Menschen als geistigen
Wesen nicht bloß Individuen, sondern auch Exemplare der
Gattung zu sehen: statistischer Sinn und gar erst statistisch⸗
historische Betrachtung und damit ein System vergleichender
Geisteswissenschaften sind in etwas genügenderer Ausbildung
erst im 19. Jahrhundert geschaffen worden. Und auch die
Intensität der Betrachtung wurde, wie schon angedeutet, bei
der unendlichen Verwicklung menschlich-seelischer Erscheinungen
kaum einer Beschreibung, nicht aber etwa schon einer kausalen
Analyse gerecht. Und so war es genug, wenn sich leise An—
fänge der historischen Kritik der genauen Beschreibung singu—
lärer Vorgänge der Vergangenheit erfolgreich zu widmen be—
gannen.

Weit günstiger war die Lage auf dem Gebiete der Natur—
wissenschaften. Hier wurde zunächst im Experiment das Mittel
gefunden, denselben Vorgang wiederholt zu beobachten. Und
im Experiment war zugleich auch ein ausgezeichnetes Mittel
intensiverer Betrachtung gegeben, da die Beherrschung des Ein—
trittes der Erscheinungen die Möglichkeit gewährte, die Be—
obachtung eben dann vorzunehmen, wenn die Aufmerksamkeit
am gespanntesten war. Indem das Erxperiment in beiden
Hinsichten in Anspruch genommen wurde, ergab sich sehr bald
eine außerordentliche Verschärfung der Beobachtungswerkzeuge.
Wie viel Dinge sah schon das Auge des Naturforschers des
17. Jahrhunderts, die kein Auge vorher, selbst nicht das scharfe
des Malers, beobachtet hatte! Jetzt bereits zeigten sich die
Anfänge jener engen Fühlung zwischen der beobachtenden
Wissenschaft und den beobachtenden Künsten, die im 19. Jahr⸗
hundert zu den überraschendsten künstlerischen Entwicklungen ge—
führt hat. Aber damit nicht genug. Bald stellte sich auch
heraus, daß die uns angeborenen Beobachtungswerkzeuge für
die Betrachtung einer großen Anzahl von Erscheinungen nicht
genügten. Nun hatte allerdings schon die Praxis des täg—
lichen Lebens in denjenigen Richtungen, in denen unsere