94 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Sinneswerkzeuge für die exakte Feststellung von Erscheinungen
am wenigsten befriedigen, Hilfsmittel besserer Beobachtung
geschaffen: für die räumliche Messung und Massebestimmung
waren Maßstab, Zirkel und Wage, für die Zeitmessung
war die Uhr erfunden worden. Aber wie wurden sie jetzt
vervollkommnet. Und neben sie traten bald andere In—
strumente, vor allem Mikroskop und Teleskop zur Ver—
schärfung des Sehens: bis ein ganzes, von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt vermehrtes Inventar technischer Beobachtungsmittel
geschaffen war, dessen Schätze, noch heute in beständiger Aus⸗
dehnung begriffen, eine nicht minder sichere Grundlage der
Förderung der Wissenschaft bilden, wie die Methoden induzieren⸗
den und abstrahierenden Denkens.

Indes wäre es irrig, wollte man glauben, daß diese neuen
Mittel wissenschaftlicher Beobachtung nun alsbald stark oder
gar nachdrücklich zur Anwendung gelangt wären. Langsam
erst gewöhnte sich das 17. Jahrhundert an den induktiven
Schluß und die isolierende Abstraktion als neue Mittel inten⸗
siverer Erkenntnis zur Beherrschung vor allem der Natur;
im ganzen blieb, namentlich auf dem Gebiete der Geistes—
wissenschaften, ein wüster, zumeist auf mehr oder minder
starken Autoritätsglauben begründeter Dilettantismus das Ge—
wöhnliche, und besonders im inneren Deutschland, im Gegen⸗
satz zu den weiter fortgeschrittenen Niederlanden, war er zu
Hause. Die Folge war eine weit umfassende, aber unfrucht⸗
bare Polyhistorie. So hat z. B. Christian Besold, immerhin
wohl der größte deutsche Staatsgelehrte in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts (7 1638), noch Pandektenkommentare,
Werke über Theorie und Prarxis des Prozesses, einen großen
juristischen Thesaurus practicus, Werke über allgemeines
Staatsrecht, deutsches Reichsrecht, württembergisches Landrecht,
Völkerrecht und Diplomatie, Politik, Volkswirtschaft, über
mehrere Zweige der Spezialgeschichte, allgemeine Weltgeschichte,
ja auch Philosophie und Theologie im allgemeinen geschrieben.
Und auch da, wo eine straffere Konzentration des Denkens
möglichst unabhängig von der Überlieferung eintrat, wie zu—