Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 95
meist in den Naturwissenschaften, zeigten sich die Elemente der
Induktion und Abstraktion doch noch immer aufs stärkste mit
philosophisch-deduktiven gemischt; in diesem Sinne findet sich
z. B. selbst in einem Kopfe, wie dem Keplers, noch Altes und
Neues dicht beieinander; bei Galilei stößt man noch auf ent—
schiedene und primär deduktive Elemente; und selbst das
Hauptwerk Newtons führt noch den Titel einer „Philosophia
naturalis“.

Indes seit etwa Mitte des 17. Jahrhunderts traten auf
dem Gebiete der Naturwissenschaften doch Induktion und Ab—
straktion immer mehr in den Vordergrund, und nur eine
Macht noch, außer dem mehr äußerlichen Widerstand des Offen—
barungsglaubens, stellte sich ihnen bis tief ins 18. Jahr⸗
hundert hinein hemmend entgegen: die Autorität der Alten.

Die Römer haben eine nennenswerte Naturwissenschaft
eigener Entwicklung nicht gehabt; nur der Mensch als Subjekt
und vor allem Objekt der Herrschaft hat ihnen im tiefsten
Grunde Anteil abgewonnen. Die Griechen aber hatten zunächst,
in ihren mythologischen Überlieferungen durch keine Offen—
barungsreligion gestört, nach der Mythologie eine weit—
verzweigte Naturphilosophie entwickelt. Nun hat diese Natur—
philosophie allerdings neben anderen Richtungen auch eine
atomistische gehabt, die an sich zur Grundlage einer mechanistischen
Naturwissenschaft hätte werden können.

Allein hierzu fehlte doch, was eben durch die allgemein
bestehende Tatsache naturphilosophischen Denkens zu entstehen
verhindert ward: eine ausgebildete naturwissenschaftliche
Methode. Die Griechen, philosophisch-deduktiv an die Natur
herantretend, haben niemals in grundsätzlicher Konsequenz und
—DVV
Gewicht zu bestimmen gesucht, und die Kunst des Experimen⸗
tierens mit ihren Folgeerscheinungen ist ihnen vollends fern—
geblieben!. So wurde denn von ihnen das elementare Ein—
zelne überhaupt nicht aufgesucht, um von seiner Kenntnis aus

S. dazu oben S. 27 ff.