96 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
das Ganze zu enträtseln; von oben her vielmehr suchte man in
das Wesen der Dinge zu dringen. „Zerstreute Fälle sind aus
der gemeinen Empirie aufgegriffen, mit gehörigem und geist—
reichem Räsonnement begleitet, auch wohl schicklich genug zu—
sammengestellt: aber nun tritt der Begriff ohne Vermittlung
hinzu, das Räsonnement wird wieder durch Begriffe bearbeitet,
anstatt daß man es nur deutlich auf sich beruhen ließe, einzeln
vermehrte, massenweise zusammenstellte und erwartete, ob eine
Idee daraus entspringen wolle, wenn sie sich nicht gleich von
Anfang an dazugesellte.“

Der größte Meister dieser Methode ist Aristoteles gewesen:
als ein Ordner der Erscheinungswelt nach verhältnismäßig
einfachen Begriffen hat er die Naturwissenschaft des Mittel⸗
alters fast ganz und die des 16. bis 18. Jahrhunderts noch
vielfach, wenn auch in abnehmender Bedeutung beherrscht.
Er brachte das Mannigfache der Natur mit glücklichem Ge—
schick in die Schubkästen festgefügter logischer Schemata, die
meist nach dem Prinzip der fortgesetzten Zwei- und Dreiteilung
gebildet waren. So erklärte er z. B. die Schwerkraft dadurch,
daß die Dinge entweder oben oder unten seien. Die Begriffe
nun, die diesem Schematismus zugrunde lagen, wurden den
verschiedensten Gebieten entnommen, sie wurden aber schließlich
alle einem obersten Begriffe, der die ganze Natur beherrschte,
nämlich dem des Zweckes, einer dem Menschen vornehmlich
wohltätigen Zielsetzung untergeordnet. Von hier aus ergab
sich dann leicht der Gedanke einer Gesamtanordnung der Natur⸗
erscheinungen in auf- oder absteigender Linie; die Organismen
z. B. steigen von den Pflanzen empor bis zu den Säugetieren,
indes ohne daß dieser Auffassung etwa ein genetisches Element,
der Gedanke einer Entwicklung der Organismen auseinander,
zugrunde lag oder auch nur angeheftet wurde.

Man sieht, dieses System kennt eigentlich keinerlei Be—
gründung seiner großen wie kleinen Voraussetzungen. „Durch
einen Machtspruch wird die Idee eines allgemeinen Substrates

1 Goethe, Zur Farbenlehre (Weim. Ausa. II, 3, 119).