Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 97
der Erscheinungen eingeführt.“ Ebenso treten „die all—
gemeinen Begriffe des Stoffes, der Form und des Entblößt⸗
seins, die verschiedenen Arten der Formbestimmung, die vier
Elemente u. s. w. ohne jede Rechtfertigung als tatsächliche
Bestimmungen des natürlichen Seins auf; namentlich aber die
Grundanschauung, daß der Zweck die höchste und letzte Form⸗
bestimmung sei, gilt als eine durchaus selbstverständliche An—
nahme“1. Aber gerade diese im Grunde spekulative Seite
der aristotelischen Naturphilosophie gab ihr im 16. und
17. Jahrhundert, abgesehen von dem allgemeinen Autoritäts—
glauben der Zeit, noch einen besonderen Halt. Denn diese
Teleologie entsprach ganz dem Standpunkt des christlichen
Glaubens und zugleich der trotz alles Wachstums der terrestrischen
und kosmischen Erfahrungen doch immer noch wesentlich
anthropozentrischen Betrachtung der Dinge; man glaubte hier
zu finden, wonach man sich im Grunde sehnte: eine Aus—
gleichung der naturwissenschaftlichen Betrachtung mit den Vor—
aussetzungen des Offenbarungsglaubens; und so hielt man fest
an dem, was man wünschte.

Immerhin aber waren die ersten Schritte einer voraus—
setzungslosen Naturbetrachtung mit den neuen Mitteln der In⸗
duktion und der Abstraktion bereits lange getan, und die Folge
dieses Schrittes, die Anerkennung eines lückenlosen und not⸗
wendigen Kausalzusammenhanges der Naturerscheinungen, wurde
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unvermeidlicher. Schon dehnte
sich die Beobachtung immer weiter aus; schon erkannte man,
daß Wissen Herrschaft oder wenigstens die Verheißung der
Herrschaft bedeute. Hatte sich anfangs, zumal unter dem
Einfluß der großen Entdeckungen des 15. und 16. Jahr⸗
hunderts, das Interesse vor allem an das Ungewohnte geknüpft,
an das Ferne, besonders Rätselhafte, so fand man nun all⸗
mählich Rätsel auch rings um sich her; und auf Coppernikus
und Kepler folgte Galilei. Man begann zu fühlen, daß eine
reichere Kultur auch eines intensiveren Denkens bedürfe, einer

Wundt, Logik 2, II, 1, S. 274 f.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI.