98 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Fähigkeit intimerer, auf das Einfachere gehender Zerlegung
der Welt, um sie zu verstehen und zu beherrschen. Wie das
Geld die ökonomische Welt der Güter gleichsam auf einen
Nenner gebracht hatte, so schien es notwendig, einen Universal⸗
schlüssel des Denkens aufzustellen, der das Verständnis der
bunten Erscheinungen auf die Anwendung einfacher Gesetze,
wenn nicht eines einfachsten Gesetzes zurückführe.

Es waren Bestrebungen und Anschauungen, die sich im
Grunde auf der gleichen Basis intensiver gewordenen Seelen⸗
lebens entwickelten wie die Fortschritte auf dem Gebiete der
Kunst. Auch hier hatte es sich in dem glänzenden Aufschwung
vor allem der Malerei, aber auch der übrigen bildenden Künste
wie in den Wandlungen der Dichtkunst seit der Mitte etwa
des 15. Jahrhunderts vor allem um steigende Intensität und
zwar der ästhetischen Auffassung gehandelt; es ist bekannt,
wie dieser Vorgang auf dem Gebiete der Malerei z. B. zur
vollen Beherrschung des Umrisses und der Lokalfarbe, ja schon
zu beträchtlichen Versuchen künstlerischer Wiedergabe des Lichtes
geführt hatte, und wir werden sehen, wie er, noch im Verlauf
des indibidualistischen Zeitalters, mit einer ganz bestimmten
Bewältigung des Lichtes abschloß.

Es sind parallel laufende, ja im tiefsten Grunde auf einen
gemeinsamen Erregungsstand, auf das Seelenleben als Ein⸗
heit, zurückweisende Prozesse. Erfolgte dabei die Entwicklung
künstleris ch⸗individualistischen Sinnes früher, als die der intellek—
tuellen Fähigkeiten, so darf nicht vergessen werden, daß Lebens⸗
vorgänge des Gemütes sich geschichtlich zumeist rascher abspielen,
als Lebensvorgänge des Verstandes, und daß es leichter ist, den
wohlumschriebenen Körper eines Kunstwerkes mit neuem seelischem
Inhalt zu füllen, als die grenzenlose Unendlichkeit des Wissens.

Inzwischen aber hatten die intellektuellen Funktionen den
Vorsprung der künstlerischen nicht bloß eingeholt, sie begannen
ihn schon weit zu überholen. Es ist eine Erscheinung, die seit
dem 17. Jahrhundert immer auffallender wird, bis in der
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die rationalen, intellek⸗
aalistischen Interessen in dem Grade überwogen, daß sie alle