Allgemeiner Charakter des individnalistischen Seelenlebens ꝛc. 99
anderen geistigen Betätigungen, vor allem auch die künstle—
rischen, völlig zu ersticken drohten. Die tieferen Gründe dieser
Erscheinung können an dieser Stelle noch nicht einmal auch
nur angedeutet werden!; mehr oberflächlich sei bemerkt, daß
eine vornehmlich bürgerliche Geisteskultur, wie sie die des 14.
bis 17. Jahrhunderts war, die rationale Anschauung des
Lebens besonders begünstigen mußte — schon in den Rederijkern
der Niederlande des 15. Jahrhunderts lebte der Gedanke, durch
Wissenschaft lasse sich in der Dichtung alles erreichen — und daß
ein klarer Intellektualismus, der zunächst durch mehr als ein
Jahrhundert schwere Kämpfe gegen überwuchernde Systeme
eines spekulativen Pandynamismus zu bestehen hatte, schon in⸗
folge der bloßen Reaktion gegenüber einem so zähen Gegner
zur Überschreitung seiner eigenen Grenzen geneigt fein mußte.

Zunächst aber erscheint es von Bedeutung, sich dieses Über—
wiegen des Intellektualismus, wie er schließlich zu Rationalismus
und Aufklärung führte, gegenwärtig zu halten, wenn es sich
darum handelt, den ästhetischen Charakter des Zeitalters indivi—
dualistischen Seelenlebens, wenn auch zunächst und vornehmlich
nur in seinen Anfängen, zu begreifen.

II.
l. Verfolgt man die Lebensäußerungen der einzelnen Personen
des 16. Jahrhunderts, so besteht darüber kein Zweifel, daß sie
unendlich viel freier waren als die des 16. Jahrhunderts, und
daß sie an Unmittelbarkeit des innersten Auslebens im Ver—⸗
laufe des 16. Jahrhunderts noch wesentlich gewannen. Schon
die Briefe, diese unverdächtigsten Selbstzeugnisse der Epoche,
zeigen es; wie beginnen da die Formeln und konventiouellen
Phrasen zu schwinden; wie stark erwacht ein humorvoller, echt
persönlicher Stil! Und bei hervorragenden Naturen überträgt
sich dieser stark persönliche Stil auf alles, was sie schreiben,
wenn auch nicht jedermann mit Luther von seinen Briefen
älfte.
d. VII, erste H
Bd.

äter

1 Vgl. spä—