100 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
sagen konnte: „Und wer es lieset und jemals mein Feder und
Gedanken gesehen, muß sagen, das ist der Luther.“ Und
neben die unmittelbaren persönlichen Zeugnisse der Briefe tritt,
bald nicht minder direkt in das Seelenleben des einzelnen ein—
führend, eine Fülle von Aufzeichnungen über das eigene Wesen
und seine Schicksale, ja jetzt fast zum ersten Male von Selbst⸗
biographien. Eine frühere Zeit hat schon die Lebens—
beschreibungen des Götz von Berlichingen, des Sebastian
Schärtlin, des Hans von Schweinichen sowie der beiden Platter
gesehen; später folgt noch eine ganze Anzahl weiterer, und die
von anderen geschriebenen Biographien häufen sich zu Bergen:
die Biographien von Theologen, die Gelehrtenbiographien, die
fürstlichen Lebensläufe, die Sammlungen lateinischer Lobsprüche
auf große Männer, die Leichenpredigten, die Biographien in
Vorreden; und neben sie treten die Sammlungen von Porträts
in Holzschnitt und Kupferstich, in Buchsbaumplastik und Wachs⸗
bossierung und die fürstlichen Sammlungen von Olbildnissen
berühmter Zeitgenossen.

So bestand denn das regste Interesse an der eigenen Person
wie an der anderer; das praktische psychologische Verständnis
nahm zu; auch in der Sprache hat es sich in neuen Begriffs⸗
bildungen zur Bezeichnung abschattierter seelischer Eigenschaften
niedergeschlagen: die Hauptwörter Dünkel, Eifer, Haß, Laune,
Mut, Ränke, Schrulle; die Eigenschaftswörter abgefeimt, anrüchig,
barsch, entrüstet, flott, frech, garstig, geil, hämisch, knauserig
und andere gehören in ihrem heute gebräuchlichen Sinne erst
dem Neuhochdeutschen namentlich des 16. und folgender Jahr⸗
hunderte an.

Aber diese lebendige Fortentwicklung hinderte nicht, daß
die Individualitäten des 16. bis 18. Jahrhunderts von der
größten psychischen Tatsache dieser Zeit her, der Emanzipation
des Verstandes, einen ganz bestimmten, speziell intellektuellen
und bei der herrschenden Meinung von der geschichtlichen
Stetigkeit der intellektuellen Eigenschaften nach unseren Be—
griffen noch stabilen Charakter erhielten. Und diese Tatsache
schlug sich in einer popularen Psychologie nieder, deren Macht