Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛe. 101
deshalb von größter Bedeutung war, weil sie auch andere als
die bloß intellektuellen Seiten des Seelenlebens beherrscht hat.

Wird der Verstand als hauptsächlichste, wenn nicht gar
einzige seelische Kraft betrachtet, so sind alle seelischen Erleb—
nisse ausschließlich individuell, d. h. an die isolierte Persönlich—
keit gebunden. Denn während es klar ist, daß Willensäuße—
rungen und Gemütsbewegungen der Anregung von außen und
der Einwirkung nach außen bedürfen, sind die Nußerungen des
Intellekts innerhalb einer sich selbst genügenden Autonomie des
einzelnen nicht nur möglich, sondern sie scheinen sogar für eine
anfängliche Betrachtung regelmäßig in ihr allein zu verlaufen.
Darum pflegen vornehmlich intellektualistische Zeiten die Seele
als etwas Isoliertes, als ein für sich stehendes geistiges Atom
gleichsam jeder Person anzusehen, von dem, vermöge der ihm
innewohnenden Kräfte, die geistigen Vorgänge hervorgebracht
werden. Es war die Anschauung auch des 16. bis 18. Jahr⸗
hunderts.

Indem nun aber die einzelnen Personen so isoliert, jede
für sich, tür- und fensterlos, wie Leibniz die der Persönlichkeit
seiner Zeit nach konstruierten Monaden genannt hat, neben⸗
einander standen, blieb für sie im Grunde nur ein einziges
wirklich wichtiges Verhältnis übrig, das zum Absoluten. Und
für dieses Verhältnis erschien eine doppelte Lösung möglich.
Entweder leitete man die Seele, deren Isolierung eine starke
Unterscheidung zwischen Körper und Geist notwendig nach
sich zog, aus dem Absoluten als etwas Geistigem oder aber
aus dem Absoluten als etwas Materiellem ab. Von diesen
beiden Lösungen lag den früheren Jahrhunderten des indi—
vidualistischen Zeitalters die erste in jeder Richtung näher; be—
wegte sie sich doch der Hauptsache nach durchaus noch in den
Bahnen des christlichen Offenbarungsglaubens. So standen sich
also in den früheren Zeiten des Individualismus Individuum
und geistiges Absolutes, d. h. Gott, gegenüber, und das Gött—
liche wurde dabei zumeist persönlich, nach Analogie des Indi—
viduums gefaßt. Erst später, unter dem Eindrucke des ge—
waltigen Aufschwunges der mechanischen Physik, seit etwa der